
Jemand neben dir liest in der Tageszeitung.
Nicht mehr als das.
Aber was ist eigentlich ein Prompt?
In Zeiten von KI könnte dies leicht missverstanden werden. Meine Prompts leiten sich allerdings von dem englischen Wort wiriting prompt ab.
Prompt
[prɒmpt]
Eine Vorgabe über ein bestimmtes Thema zu schreiben. Diese kann in einem oder mehreren Sätzen formuliert sein oder einen kurzen Textabschnitt, ein Bild oder andere Inhalte enthalten, die als Ausgangspunkt für die schriftliche Antwort dienen.
Nichts weiter als das.
Nichts weiter als ein Anstoß, ein Startpunkt, eine Inspiration oder ein Thema.
🖋️ Szene: Die Tageszeitung
Verflucht, verflucht, verflucht! Wer zum Teufel trägt Pumps am Bahnhof?
Das Klackern meiner Absätze hallte vom Steinboden und echote durch meinen Kopf, als ich mich durch Touristen mit überdimensionalen Wanderrucksäcken und genervt dreinblickenden Anzugträgern hindurchdrückte. Dabei balancierte ich einen Starbucks-Becher und eine Tüte mit Reiseproviant in meiner linken Hand und zog meinen Koffer mit der rechten. Über den Teleskopgriff hatte ich die Henkel meine Aktentasche gestülpt, die gefährlich von links nach rechts schaukelte und drohte sich jeden Moment einfach zu verabschieden.
Ich wusste gar nicht wieso ich noch so durch die Bahnhofshalle hetzte. Die Uhr, die über mir schwebte, verhöhnte mich mit jeder Bewegung des Sekundenzeigers: Ich war zu spät.
Die Geschäftsreise hatte ich vermasselt, ehe sie angefangen hatte. Und ich war so verdammt gut vorbereitet gewesen. Jede Präsentation hatte ich bis zum Erbrechen geübt – sogar im Schlaf konnte ich sie vermutlich aufsagen, meinen Träumen nach zu urteilen. Die Namen der Klienten hatte ich mir mit Hilfe kleiner Bilder von ihrem LinkedIn-Profil eingeprägt.
Aber nichts davon nützte mir. Denn ich hatte mich nicht für ein Paar Schuhe entscheiden können, das bestellte Taxi hatte sich aus dem Staub gemacht und mit der U-Bahn hatte ich viel zu lange gebraucht. Einfach lächerlich. Großartig. Ich hatte alles organisiert. Ich hatte sogar einen Puffer von dreißig Minuten eingeplant. Und trotzdem hatte ich es nicht geschafft.
Ich nahm eine Kurve, riss meinen Koffer herum, verlor auf den Stilettos beinahe das Gleichgewicht. Der Kaffee schwappte in den Deckel hinauf und ich sandte ein Stoßgebet gen Himmel, dass ich nicht um acht Uhr morgens vor gefühlten tausend Leuten auf den Marmorboden krachen würde. Ich prallte gegen einen Mann, murmelte eine Entschuldigung, behielt aber zum Glück das Gleichgewicht und verpasste weder mir noch jemand anderem eine Kaffee-Dusche – und endlich erschienen die Gleise vor mir. Noch ein paar Schritte. Ein paar Meter. Vielleicht war er noch da… das war nicht der richtige Zeitpunkt, um aufzugeben.
Zwanzig. Achtzehn. Sechzehn. Vierzehn.
Dreizehn – mein Gleis!
Aber die Schienen waren leer und der Bahnsteig voll. Kein Zug. Er war weg.
Scheiße, der ganze Tag war durchgetaktet gewesen. Wenn ich den ersten Zug verpasse, schaffe ich es auf keinen Fall zur Willkommens-Veranstaltung. Und damit würde ich die ersten wichtigen Reden des Tages verpassen. Das ganze Kennenlernen und Networking konnte ich mir in die Haare schmieren.
Ich verlangsamte meine Schritte. Merkte, wie außer Atem ich war und entschied mich mit dem Aufzug zum Gleis herunterzufahren, statt die überfüllte Treppe zu nehmen. Mein Handy vibrierte in der Tasche über meiner Schulter und ich stellte meinen Kaffeebecher wacklig auf meinem Koffer ab, ehe ich danach kramen konnte. Grell leuchtete es aus der Tiefe meiner Tasche.
Meine Finger schlossen sich um das kühle Plastik der Hülle, ich fischte es heraus und ich erstarrte. Konnte hören, wie der Fahrstuhl vor mir ankam und aufsprang. Stöhnen und Schnauben um mich herum ertönte, als Passagiere an mir vorbei aus dem Fahrstuhl strömten. Sie starrten mich genervt an, jemand prallte gegen meinen Koffer und mein Kaffee fiel polternd zu Boden. Der Deckel platzte ab und eine Pfütze aus Karamell-Latte-Macchiato bereitete sich neben mir aus.
Ihr Zug ist verspätet. +90 Minuten.
Genau so hatte ich mir meinen ersten Alleingang als Senior Agentin vorgestellt. Ich hatte mich völlig umsonst beeilt. Perfekt. Einfach großartig. Ich hätte die gesamte erste Stunde ohnehin verpasst. Ein super Start für mich. Man hatte sich auf mich verlassen.
Okay, tief durchatmen. Ist das mein Karriereende? Vielleicht. Würde ich noch eine Chance bekommen? Nicht in naher Zukunft. Konnte ich etwas daran ändern? Natürlich nicht.
Verdammte Scheiße. Ich sah einen Titel in meinem Kopf aufblitzen – Kündigung in klebrigen High Heels.
Ich pfefferte mein Handy zurück in die Tasche und blickte auf. Erwischte dabei eine junge Frau, die mich unverhohlen musterte und den Kopf leicht schüttelte beim Anblick meiner Macchiato-Pfütze. Ich hätte ihn auch lieber ausgetrunken. Doch in ihrem Blick stand alles, was ich selbst dachte: Dummchen im Pumps, Latte auf dem Boden, Tag im Eimer.
Mit geröteten Wangen zog ich meinen Koffer aus der Lache heraus, als eine Mitarbeiterin des Bahnhofs bereits mit einem Wischmopp auf mich zu eilte.
»Vielen herzlichen Dank«, murmelte ich und drückte ihr das Wechselgeld für den Kaffee, das ich noch in der Hosentasche hatte, in die Hand. Sie bedankte sich nicht, sondern schien in sich hineinzufluchen.
Schnell ergriff ich die Gelegenheit und flüchtete über die Treppe von meinem Tatort zu meinem Gleis Dreizehn. Aus der Ferne betrachtete ich nun die Displays, die ich vorhin ignoriert hatte. Tatsächlich lief im Schneckentempo eine Anzeige über die Verspätung über jedes von ihnen. Wenigstens gab es keine Gleiswechsel – noch nicht. Bei meinem Glück würde ich auch den verpassen.
Das Gleis war bereits überfüllt mit Menschen. Die Verärgerung über die Verspätung war greifbar. Ich versank im Gemurmel und Gemecker der Reisegäste. Ein älterer Herr beschwerte sich lautstark bei einem Schaffner. Ich visierte eine Bank vor mir an. Nur noch ein Platz war frei. Ebenfalls darauf ein Mann, hinter einer Tageszeitung verborgen und eine verzweifelt dreinblickende Frau mit Wanderrucksack und Activewear.
Ich schaltete ungeahnte athletische Fähigkeiten in mir frei und sprintete auf den leeren Platz zu, ehe mir jemand zuvorkommen konnte. Keine Sekunde länger würde ich in diesen Pumps stehen. Außerdem musste ich die klebrigen Flecken beseitigen…
Mit einem metallischen Krachen knallte mein Koffer gegen die Bank, ehe ich mich erleichtert darauf fallen ließ.
»Sie wissen, dass der Zug nicht früher kommt, wenn sie hier einen Sprint auf dem Gleis hinlegen, oder?«
Der Mann neben mir verbarg sein Gesicht hinter dem Feuilleton-Teil seiner Zeitung und ich meins hinter der Farbe einer überreifen Tomate.
»Entschuldigung. Ich wollte nur… diese Schuhe sind echt unbequem.«
»Dann hätten Sie, sie vielleicht nicht tragen dürfen.«
Okay, wow. Da hatte jemand gute Laune. Bevor ich über meine Worte nachdachte, platzten sie bereits aus mir heraus: »Sie wissen, dass der Zug nicht früher kommt, wenn Sie Ihre schlechte Laune an mir rauslassen?«
Er senkte die Zeitung. Eiskalte Augen bohrten sich in meine. Mein Gesicht glühte noch heißer, als ich ihn erkannte. Ich hatte sein LinkedIn-Profil ausgedruckt in meiner Aktentasche. Sein Bild auf einem Kärtchen mit allen wichtigen Fakten. Markiert mit einem roten Punkt.

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Bild: von Maximilian Csali (@maxcsali)
