Man zeigt dir deinen Seelenverwandten.

🖋️ Szene: Der Spiegel


Der Spiegel ragte mächtig vor ihr auf. Ihr Blick glitt über die Schnitzereien im Ebenholz, folgte den sanften Schnörkel, den harten Kanten. Sie beugte sich vor um mit den Fingern über das Holz zu streichen und die Bilder mit den Kuppen zu ertasten. Neugierig neigte sie den Kopf, und ihr dunkles Haar fiel wie ein Vorhang zwischen sie und ihr Spiegelbild.
»Lady Myrin, ihr habt nur ein paar wenige Augenblicke mit dem Spiegel. Ihr solltet das Ritual beginnen.« Ihr junges Dienstmädchen mit mausgrauen Haaren, hatte sich so dicht neben die Tür gestellt, als wünschte sie mit der Wand zu verschmelzen.
Myrin drehte sich bedächtig zum Mädchen um und reckte ihr Kinn. »Ist es mir nicht gestattet, den Spiegel, der meinen künftigen Ehemann zeigen wird, zu betrachten?«
Das Dienstmädchen neigte den Kopf und lief dunkelrot an. »Ge-gewiss, Mylady. Ich… ich wollte euch nur auf die Sanduhr hinweisen.« Mit zitternder Hand deutete sie auf die Uhr, die auf einem Hocker neben dem Spiegel stand.
Kaum mehr als die Hälfte war bereits durchgelaufen, als Myrin ihren Blick auf die Uhr legte. Mit einem leisen Seufzen schloss sie die Augen und trat einen Schritt zurück. Sie hatte nie an das Ritual geglaubt. Und nie gewollt, denn sie hielt es für Humbug. Aber es musste etwas dran sein. Seit Jahren hielten sich das Geflüster um den magischen Spiegel hartnäckig, ihr Vater hatte der Gilde eine beträchtliche Summe Geld gezahlt für diesen Augenblick.
Vorsichtig öffnete sie ihre Augen. Nur einen Spalt. Der Spiegel war an den Rändern beschlagen und zeigte silbrige Flecke, die sich zu bewegen schienen. Doch abgesehen davon, war es ein gewöhnlicher Spiegel. Myrin blickte hinein und sah sich selbst. Sah ihr langes, glattes, braunes Haar, das ihr über die Schultern floss. Sah ihre grünen Augen, die wachsam über die Fläche zuckten. Und sah vor allem nichts Außergewöhnliches – es handelte sich einfach um ihr Spiegelbild. Es war einfach lächerlich. Sie hatte doch ernsthaft erwartete, dass der Spiegel ihr etwas zeigte.
»Es passiert nichts«, klagte Myrin an das Mädchen gerichtet. Ihre Stimme klang ungeduldig, sogar überaus verstimmt.
Das Mädchen räusperte sich leise. »Ihr müsst Geduld haben, Mylady. Die Magie des Spiegels muss wirken, er muss euren Seelenverwandten erst finden. Habt Vertrauen.«
Myrin brummte ungehalten. Wie lange konnte es schon dauern, ihr irgendeinen Prinzen zu finden? Gerade wollte sie den Mund öffnen, um sich zu beschweren, als das Bild vor ihr begann zu verschwimmen. Die Farben ihres braunen Kleides verzogen sich zu einem Strudel und sie trat neugierig einen Schritt näher, legte die Finger auf das kalte Glas. Das Herz in ihrer Brust schlug unregelmäßig.
Wer es wohl sein würde? Ein Adliger aus ihrem Reich? Womöglich einer der vier Prinzen? Ihr Vater würde vor Stolz platzen, wenn sie im Stand sogar noch aufsteigen würde!
Ein Bild begann sich langsam aus den Grau- und Brauntönen zusammenzusetzen. Eine steinerne Mauer, schwaches Mondlicht, das auf Metall fiel. Myrin trat noch näher und kniff die Augen zusammen. Sie erkannte eine Bank auf der eine dünne Decke zusammengeknüllt lag. Daneben zusammen gekauert saß ein Mann, um seinen Fuß klammerte sich eine Eisenfessel.
»Nein«, hauchte Myrin. »Das ist unmöglich. Das muss ein Fehler sein.«
»Wen seht ihr, Mylady?« Das Dienstmädchen trat neugierig vor und lugte in den Spiegel. »Einen Prinzen?«
Myrin starrte mit aufgerissenen Augen auf den Mann im Spiegel, dieser hob den Kopf, als wüsste er, dass er beobachtet wurde. Seine Stirn runzelte sich und er kniff die Augen zusammen. Dann fuhr er sich mit der Zunge über die Lippen und richtete sich auf. Seine Wangen waren dreckverschmiert und das helle Haar hing in langen Strähnen in seine Stirn. Sie konnte direkt in seine Augen sehen. Verzweiflung stand darin. Verzweiflung und… Hoffnungslosigkeit.
Myrin gab einen erstickten Laut von sich. Das durfte nicht wahr sein. Er konnte unmöglich ihr Seelenverwanter sein.
»Was ist los, Lady-«, setzte das Mädchen an
»Schweig!«, unterbrach Myrin sie scharf.
Die Lippen des Gefangenen bewegten sich, es wäre ihr beinahe entgangen. Myrin trat näher an den Spiegel, bis ihre Nasenspitze beinahe das kalte Glas berührte.
»Myrin«, flüsterte der Gefangene. »Myrin, bist du es?«
Das Blut gefror in Myrins Adern. »Habt ihr das gehört?«, fragte Myrin an das Mädchen gewandt.
»Was gehört, Mylady?« Die Stimme des Dienstmädchens klang besorgt. Beinahe als würde sie beginnen am Verstand ihrer Herrin zu zweifeln.
»Er redet mit mir«, hauchte sie zur Antwort.
Myrin hörte, wie das Dienstmädchen hinter ihr gegen die Wand stieß und flüsterte: »Das ist unmöglich. Der Spiegel sollte nur den Seelenverwandten zeigen.«
Statt eine Antwort zu geben, lauschte sie, wie der Gefangene erneut ihren Namen rief. Sie öffnete den Mund, wollte ihn versichern, dass sie da war, ihn höret. Doch das Bild vor ihren Augen veränderte sich. Die Tür zu seiner Zelle wurde aufgerissen. Männer strömten hinein, griffen nach ihm, fixierten seine Arme auf seinem Rücken. Der Gefangene schrie auf.
Myrin zischte erschrocken auf. »Nein! Was tut ihr!« Sie legte ihre Hand auf das Glas und schlug mit der anderen gegen die Scheibe. »Hört auf!«
Das Dienstmädchen löste sich aus ihrer Starre und lief auf ihre Herrin zu, packte sie an ihren Schultern und zerrte sie vom Spiegel weg. Myrins Augen blieben an der Scheibe kleben und sie versuchte sich gegen die Hände zu wehren. Ebenso wie ihr Seelenverwandter. Sie stieß einen spitzen Schrei aus. Ein Heulen. Und dann löste sich die Szene vor ihr auf. Sie blickte in ihr eigenes Gesicht. Verzerrt zu einer Fratze, die Augen tanzten wild, wie die eines gefangen Tieres, die Zähne waren gebleckt. Myrin sackte bei ihrem eigenen Anblick in sich zusammen.
Das Mädchen fing sie auf, war jedoch zu schwach und stürzte mit ihr auf den harten Steinboden. »Lady Myrin, was ist passiert? Was habt ihr gesehen?«
»Ich…« Myrin sah zu ihrer Dienerin auf. Doch biss sich auf die Lippe. Sie konnte ihr nicht sagen, dass ihr Seelenverwandter ein Verbrecher war. Jemand der in einer Zelle saß. Sie wusste nicht einmal, ob diese Zelle in ihrem Reich war, sie hatte noch nie eine Zelle zu Gesicht bekommen. »Ich weiß es nicht.«
Die Tür öffnete sich hinter ihnen. Myrin blickte müde über ihre Schulter. Ihr Vater stand in der Tür, an seiner Seite eine Wache. »Nun, mein Kind. Wen hast du gesehen? Ich hoffe, doch einen Prinzen?« Ein breites Grinsen lag auf seinem Gesicht. Es erstarb sofort, als er seine Tochter auf dem Boden kauern sah. »Myrin? Ist alles in Ordnung?«
»Ja, Vater.« Sie stützte sich auf die Schulter ihres Dienstmädchens und richtete sich auf. Sie lächelte matt und klopfte sich den Staub vom Kleid. »Ich bin lediglich erschöpft. Ich habe niemanden erkannt. Er hatte geschlafen, das Gesicht im Schatten. Ich bin mir nicht sicher, wer es war.«
Das Mädchen warf ihr einen Blick zu. Sie durchschaute ihre Lüge, doch schwieg. Ihrem Vater schien dies nicht aufzufallen, er zog die Brauen zusammen und musterte seine Tochter.
»Bedauerlich, dann werden wir es bald erneut versuchen.« Ihr Vater wies die Wache mit einer Handbewegung an, Myrin zu helfen. Prompt eilte der bewaffnete Mann zu ihr und stützte sie von der anderen Seite. Metal schlug aufeinander, bei jeder seiner Bewegungen, es hallte in Myrins Kopf nach.
Das Dienstmädchen musterte Myrin besorgt von der Seite, ehe sie das Wort an ihren Vater richtete. »Mylord, die Lady hat sicherlich noch Nachwehen durch dein Einfluss der Magie. Der Spiegel scheint an ihren Kräften zu zerren.«
Myrins Vater nickte. »Du hast recht, bringt sie in die Kutsche und begleitet sie ins Anwesen. Ich werde noch mit dem Gildemeister sprechen. Eine weitere Session vereinbaren. Ich bin bald zurück.« Ohne sich erneut umzusehen wandte er sie ab.
Die beiden Untergebenen erwiderten nichts, gewissenhaft stützten sie Myrin auf dem Weg aus dem Gebäude der Magiergilde. Ihr Herz schlug noch wie wild in ihrer Brust. Das Gesicht des Mannes hatte sich eingebrannt, ließ sich weder verdrängen noch vergessen. Fieberhaft kreisten ihre Gedanken darum, ob sie ihn finden konnte. Ihm irgendwie helfen konnte. Doch sie wusste weder wer er war, noch wo er war.
Die Wache half ihr vorsichtig in die Kutsche, in die sie und das Dienstmädchen stiegen. Das dunkle Holz verschluckte die beiden Frauen. Myrin lehnte sich vorsichtig an die gepolsterte Wand und schloss die Augen.
»Alles in Ordnung, Mylady? Ihr seid so schweigsam. Hat euch das Ritual so zugesetzt?«, erkundigte sich das Mädchen. Sie legte Myrin leicht eine Hand auf den Oberschenkel. Mit einem Ruck setzte sich die Kutsche ihn Bewegung und ließ sie sogleich zurückschrecken.
»Ja, es war ziemlich kräftezerrend«, log Myrin. Sie neigte den Kopf und setzte ein schwaches Lächeln auf. Das Mädchen schien zu merken, dass das nicht alles war, doch sie biss sich auf die Wange und ließ den Blick zu Boden sinken. Myrin hingegen hob die Hand und zupfte den Vorhang am Fenster ein Stück beiseite. Menschen drängten durch die Gassen, rauschten in Kaufhäuser, hasteten über das Pflaster. Die Straße, die Häuser, die Passanten – sie alle verschwammen in einem Wirbel aus Farben.
Noch immer den Kopf geneigt, beobachtete, Myrin, wie die Straße aufbrach und einen großen Platz freigab. Sie erkannte ihn, es war der Platz, an dem die Justiz ihre Strafen verhängte. Eine große Menschenmenge hatte sich dort versammelt. Die Kutsche geriet ins Stocken und gab ihr eine perfekte Sicht frei. In Mitten des Platzes war ein Galgen aufgebaut worden. Mehrere Personen standen auf einer hölzernen Plattform. Ein Herold verlaß als Diener der Krone eine Pergamentrolle, Myrin hörte seine dröhnende Stimme, doch konnte nichts verstehen. Im Hintergrund wurde ein Mann in Ketten auf die Plattform geführt. Sein Kopf war gesenkt, gab nur einen Blick auf seinen Haarschopf frei.
Seinen hellen, strähnigen Haarschopf.
Den Haarschopf, den Myrin eben im Spiegel gesehen hatte.
Einen Augenblick lang war es, als wäre die Zeit stehen geblieben, als hätte Myrin in dem Moment verlernt zu atmen und ihr Herz hätte vergessen zu schlagen. Dann sprang sie auf und riss die Tür der Kutsche auf.
»Mylady!«, hörte sie das Dienstmädchen schreien, doch Myrin blieb nicht stehen. Sie drückte sich durch die Menschenmassen, zerrte an Schultern, riss an Kleidern. Wütende Rufe begleiteten sie. Doch sie hatte keine Zeit. Sie musste zur Plattform. Sie ignorierte, die Schreie, ihr rasendes Herz, den keuchenden Atem. Musste sehen, ob er es war.
Er ist es., schoss es ihr durch den Kopf. Ohne Zweifel.
Myrin quetschte sich an der letzten Reihe Schaulustiger vorbei und blickte nach oben. Vor ihr lag die Plattform, ohne, dass etwas ihre Sicht versperrte. Der Gefangene blickte nach wie vor nach unten. Myrin wollte etwas rufen, wollte seine Aufmerksamkeit erregen, doch sie wusste nicht was. Sie öffnete dem Mund und starrte nach oben. Genau in dem Moment, als er den Kopf ein Stück hob.
Seine Augen fanden sofort die ihren. Und er lächelte. Und obwohl sie nichts über ihn wusste – keinen Namen, kein Alter, kein Verbrechen – wusste sie es einfach. Er war es. Ihr Herz erkannte ihn.
Ihr Seelenverwandter.
Die Worte des Herolds durchschnitten die Stille wie ein Schwert: »–wird hiermit zum Tode verurteilt.«

Bild: jason-leung

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