
Du wartest auf den Bus.
🖋️ Szene: Der Bus
Der Regen prasselte schwer auf das Dach der Bushaltestelle. Sally zog ihre Beine so dicht sie konnte unter die Bank um ihre neuen Schuhe nicht nass zu machen. Ewigkeiten hatte sie auf die DocMartens gespart, sie würde sich das Leder nicht ruinieren lassen. Ein Blick auf die Anzeigetafel verriet ihr, dass der Bus noch auf sich warten ließ – sie war viel zu früh losgegangen. Sie vergrub die Hände tief in den Taschen ihres Hoodies und versuchte das Sommergewitter auszukosten. Metal dröhnte in ihren Kopfhörern, bedrohlich wie die Wolken über ihr. Schließlich passte beides perfekt zu ihrer Stimmung.
Donner grollte dumpf durch die Gitarrenriffs und über dem Einkaufszentrum auf der anderen Straßenseite blitzte etwas auf, doch Sally starrte wie gebannt auf eine Pfütze, die sich zu ihren Füßen bildete. Ein kleines Rinnsal strömte ungehindert über die groben Pflastersteine und versammelte sich ausgerechnet vor ihr. Panisch zog sie die Knie an und stellte die nagelneuen Schuhe auf die Bank. Als wäre Säure statt Wasser unter ihr.
Eine rasche Bewegung ließ sie aufschrecken. Ein Mädchen rannte von spritzenden Pfützen begleitet durch den Vorhang aus Wasser direkt auf sie zu. Ihre Converse waren komplett durchweicht und schmatzten laut gegen das Gewitter und die Musik in Sallys Ohren. Sally sah weg. Beobachtete lieber die Tropfen, die an der Plexiglasscheibe zu ihrer Rechten runterliefen.
Mit einem Hechtsprung rettete sich das Mädchen unter dem transparenten Dach der Bushaltestelle. Wasser rann von ihr und speiste das Rinnsal, die Pfütze vor Sally wuchs an. Sie würde mit den Docs hindurch müssen. Scheiße.
»Hey«, drang es zu Sally durch. Sie hob den Kopf und drehte ihn leicht. Das Mädchen sah sie an, Wasser lief ihr durchs Gesicht, doch sie grinste unverschämt breit. Die Locken klebten klitschnass auf ihrer Stirn, als sie sie rasch aus dem Gesicht strich. Sally musterte sie. Grauer Hoodie, blaue Jeans. Keine Tasche, keine Labels. Nur weiße, nasse Converse. Sie schwieg.
Das Lächeln das Mädchens brach irritiert in tausend Teile, als Sally wortlos den Kopf zur Plexiglasscheibe wandte. Sie schnaubte und schüttelte ihre tropfenden Locken.
»Hey! Pass doch auf!«, rief Sally wütend auf. Rasend starrte sie auf Wassertropfen, die ihre Docs zierten und begann sie hektisch mit dem Ärmel wegzuwischen.
Das Mädchen lachte überrascht auf. »Sorry, kein Grund so aus der Haut zu fahren, es regnet halt.«
»Für jemanden wie dich vielleicht«, fauchte Sally und sah auf. Ihre Augen waren kalt und sie hatte die Lippe gekräuselt.
Sofort hob das andere Mädchen ihre Arme. »Ist ja schon gut. Ist ja nur ein bisschen Regen. Sind die neu?«
»Ja. Hab ein Jahr lang dran gespart. Jetzt sind sie ruiniert. Danke.« Demonstrativ starrte Sally auf die Straße vor sich. Wasser rann über den Asphalt, eine Stromschnelle hatte sich bei einem Abfluss gebildet. Einige Blätter hingen dort fest und andere wirbelten in einem Strudel hinab in die Kanalisation.
»So schnell gehen die nicht kaputt.« Das Mädchen lehnte sich mit einem feuchten Schmatzen gegen die Plexiglasscheibe, dann klopfte sie mit einer Schuhspitze vorsichtig das Wasser aus ihren Sneakern. »Und falls doch, waren die viel zu teuer dafür.«
»Was weißt du schon«, murmelte Sally. Sie zog ihre Knie enger an sich. Doch sie drehte die Musik runter. Nur ein bisschen.
Das Mädchen kicherte und zuckte mit einer Schulter. »Ich meine nur: Schuhe sind zum Tragen da, nicht zum Anschauen.«
Sally wollte etwas schnippisches erwidern, doch biss sich auf die Lippe. Das Donnern verschluckte den Moment und die Regentropfen prasselten immer schneller und wilder.
»Der Bus hat Verspätung. Wo willst du hin?« Das Mädchen neigte den Kopf in Sally Richtung, die immer noch stoisch auf das Wasser starrte.
Irritiert runzelte Sally die Stirn und zog sich die Kapuze ihres Hoodies ins Gesicht. Als wäre es das normalste der Welt mit einer Fremden zu sprechen. »Geht dich nichts an.«
Das Mädchen schob sich die nassen Haare hinters Ohr und seufzte. Ihre Finger zitterten. »Okay. Und warum hörst du Musik? Der Regen ist so laut, du verstehst doch eh nix.«
Sally blinzelte. Für den Moment entglitt ihr ihre Verteidigungslinie. Sie hatte recht. Metal, Gewitter, es überlagerte sich und verschwamm zu einem Einheitsbrei. »Wenn du die Klappe halten würdest, würde ich deutlich mehr verstehen.«
»Nein. Mir ist nicht danach die Klappe zu halten. Komm schon, es ist langweilig, der Bus kommt nicht.« Ohne zu zögern setzte sich das Mädchen in Bewegung und plumpste auf die Bank neben Sally. Diese zuckte zusammen und suchte mit panischen Augen Regentropfen. Das brachte das Mädchen zum Lachen. »Keine Sorge, ich tropfe schon nicht auf deine heiligen Boots.
Sally verzog das Gesicht und drehte die Musik noch leiser. Der Bass brummte noch dumpf im Hintergrund, wie ein Herzschlag, der nicht verschwinden wollte. »Ich hab gesagt, ich will meine Ruhe.«
»Und ich hab gesagt, ich halte meine Klappe nicht. Auf welche Schule gehst du? Wohnst du hier?« Das Mädchen grinste, als wäre es ein Spiel und nur sie kannte die Regeln. Sie legte den Kopf in den Nacken und wartete auf eine Antwort. Als sie keine bekam, sah sie Sally von der Seite an. »Wenn du dich weiter so aufregst, dann kriegst du noch Falten.«
Sallys Finger krallten sich von innen in die Taschen ihres Hoodies. Sie wollte das Mädchen wegschicken, oder einfach selbst das Weite suchen. Aber der Regen… Und dann sah sie auf die Converse, weit von ihr gestreckt im Regen. Jeder Topfen färbte den weißen Stoff dunkler. Das Mädchen hatte recht: Es passierte gar nichts. Und ihre Schuhe waren aus Stoff.
»Du bist merkwürdig«, murmelte Sally schließlich.
»Danke.« Das Mädchen drehte sich weiter zu ihr, die Locken klebten immer noch auf ihrer Stirn. »Komplimente von Fremden, sind mit Abstand die besten.«
»Das war kein Kompliment.«
In der Ferne heulte ein Motor auf und Sallys Kopf schoss hoch. Sie suchte den Auslöser, fand ihn. Scheinwerfer glitten durch den Vorhang aus Tropfen auf sie zu wie zwei riesige Augen. Ihr Herzschlag setzte kurz aus. Endlich. Der Bus.
Doch die Anzeigetafel blinkte auf. Flackerte unregelmäßig. Sally konnte nicht erkennen, was dort stand, aber sicher nicht Linie 35 – Hauptbahnhof. Sie kniff die Augen zusammen und lehnte sich vor. Bitte nicht einsteigen.
Das konnte nicht sein.
Der Bus rollte durch den Regen, hielt ruckartig vor ihnen an. Die Türen zischten auf, gelbes Licht ergoss sich über die Pfützen. Der Fahrer saß unbeweglich hinter der Scheibe, er sah nicht einmal auf. »Hier gehts nicht weiter. Geht heim.« Dann schloss er die Türen. Die Anzeigetafel erlosch völlig und der Bus verwand im Regen, als hätte er nie existiert.
»Fuck«, stöhnte Sally auf.
Das Mädchen neben ihr grinste noch. »Also? Was machen wir jetzt?«
Bild: ravi sharma
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