Dies ist der erste Teil eines zweiteiligen Projekts. Diese Schreibübung habe ich für mich genutzt um meinem Romanprojekt Wort um Wort mehr tiefe zu verleihen. Und außerdem habe ich versucht meine Stimme anders zu denken. Probier doch auch deine Stimme bewusst zu umgehen mit folgender Prompt:

Du vergisst deinen Schirm.

🖋️ Szene: Der Schirm

Die Kälte kroch in jeden seiner Knochen, als er über den Asphalt eilte. Die Aktentasche unter den Arm geklemmt, schritt er zielstrebig voran. Ließ sich nicht von dem Trenchcoat beirren, der durchnässt an ihm herabhing. Er musste bedauernswert aussehen. Das Hemd, wie eine zweite Haut an ihm, durchsichtig. Betonte die Konturen seines Körpers. Die Haare strähnig in den Augen. Ein Rinnsal auf seiner Stirn.
Er hatte den Schirm in Bus vergessen. Es war ein guter Schirm gewesen. Zuverlässig. Schwarz, schlicht. Mit Holzgriff. Hatte ihn durch viele regnerische Tage begleitet. Viele Termine überstanden. Busse und Hotelzimmer gesehen. Er war ein Geschenk gewesen. Vor Jahren. Er konnte sich kaum noch erinnern, von wem.
Doch heute war er aufgestanden und hatte ihn liegen gelassen. Der Preis für diese Unachtsamkeit war Novemberregen und ein wasserdurchlässiger Trenchcoat. Es blieb nur zu hoffen, dass seine Habseligkeiten in der Aktentasche trocken blieben.
Die Straße spiegelte den grauen Himmel, brach mit jedem Tropfen in tausend Splitter und setzte sich wieder zusammen. Seine Hose klebte an seinem Bein, seine Socken schmatzten bei jedem Schritt im Schuh. Doch er wurde nicht langsamer. Musste es schaffen.
Der Termin war wichtig. Vielleicht der wichtigste seines Lebens. Er hatte alles im Griff. Immer. Sein Kalender war stets gepflegt. Jede Minute hatte seinen Zweck, jeder Tag seine Ordnung. Er trug ihn immer bei sich. Etwas woran er sich festhalten konnte.
Seine Gedanken schweiften zum Kalender in der Tasche. Stellte sich wie aufgeweichten Seiten vor. Es würde eine Qual sein, die Einträge in einen neuen zu übertragen.
Er bog um die Ecke. Nicht mehr weit. Gleich geschafft. Doch er stieß mit jemandem zusammen. Unerwartet.
Eine junge Frau kam um die Ecke gerannt, ohne Schirm. Den Regen in den Augen, blind in ihrer Flucht ins Trockene.
»Entschuldigung«, hatte sie gemurmelt und war weiter gelaufen.
Auch er setzte seinen Weg fort. Weiter durch den grauen Vorhang. Keine Menschenseele unterwegs. Kaum ein Auto auf der Straße.
Und endlich tauchte das Gebäude vor ihm auf. Er hatte es erst kaum erkannt. Grau und unscheinbar lag es vor ihm. Nicht besonders breit, nicht besonders hoch. Völlig durchschnittlich. Wie er selbst.
Er schritt eilig zur Tür unter das Vordach. Er tropfte. Klingelte trotzdem. Die Tür wurde abrupt geöffnet.
»Sind sie wegen des Gemäldes hier?« Eine ältere Dame hatte die Tür einen Spalt breit geöffnet. Sie musterte ihn.
»Ja. Entschuldigen Sie bitte, ich wurde vom Regen überrascht.«
Sie öffnete nicht weiter.
»In London?«
Er lächelte verlegen. »Nun, ich hatte einen Schirm, jedoch scheine ich diesen im Bus verlegt zu haben.«
»Bedauerlich.« Die Tür wurde einen weiteren Spalt breit geöffnet. »Leider ist das Gemälde von sehr hohem Wert für mich. Ich fürchte in diesem Aufzug, kann ich sie nicht reinlassen.«
Er schluckte. »Nun, Madame. Ich bin nur deswegen angereist.«
»Es tut mir schrecklich leid. Aber sollte sie es beschädigen…« Sie lächelte entschuldigend. Begann die Tür bereits zu schließen.
»Warten Sie!« Er legte seine Hand in den Rahmen. »Kann ich ein anderes Mal wiederkommen?« Verzweifelt versuchte er sie eindringlich anzusehen.
Doch sie schüttelte den Kopf. »Ich fürchte nicht.«
Sie drückte sanft die Tür weiter zu. »Auf Wiedersehen.«
Er zog die Hand zurück. Wollte fluchen, doch er kontrollierte sich. »Wiedersehen.«
Dann schloss sich die Tür. Für immer.
Er drehte mich zur Straße und verharrte einen Moment. Er hatte dieses Gemälde Jahre lang gesucht. Und nun glitt es ihm durch die Finger. Wegen eines Schauers. Und einer Unachtsamkeit.
Er setzte einen Schritt in den Regen. Er prasselte auf sein Gesicht. Erbarmungslos und eiskalt. Er ging die Straße hinab. Hatte viel mehr Zeit eingeplant, wusste nicht wohin mit sich.
In seinem Kalender war noch für eine Stunde der Termin eingetragen. Er wusste nicht, was er mit sich anfangen sollte. Ging weiter. Und weiter. Bis ein Pub am Ende der Straße seine Aufmerksamkeit erregte.
Er war schlecht besucht. Die Leute flüchteten in ihre eigenen vier Wände. Mieden den Regen.
Der Geruch nach nassem Asphalt wich sofort dem von schalem Bier und altem Holz, als er einen Fuß in den Pub setzte. Der Wirt sah ihn genervt an. »Sie tropfen alles voll.«
»Es tut mir schrecklich leid.« Er bewegte sich bereits rückwärts zur Tür.
»Bier?«
seine Bewegung stoppte. »Gern.«
Er schritt langsam zum Tresen, stellte seine Tasche auf den Boden und setzte sich. Schwunghaft landete das Bier vor mir. Es schwappte über, doch der Wirt beachtete die Pfütze auf dem Tresen nicht. Wortlos zog er sich ans andere Ende der Bar zurück.
Neben mir  saß eine Frau. Ebenfalls durchnässt. Klein und – Moment, es war die Frau von vorhin.
 Er musterte sie im Augenwinkel. Sie zitterte.
Ihr blondes Haar hing in nassen Strähnen vor ihren Augen.
Er starrte in sein Bier. Sie beobachtete ihn. Er konnte es spüren.
»Ich hab Sie angerempelt.« Das war keine Frage.
»Ja.«
»Tut mir leid.« Mehr sagte sie nicht. Sah nicht auf.
»Wo wollten Sie hin?« seine Stimme klang falsch in seinen eigenen Ohren.
Sie drehte ihren Oberkörper ein Stück zu ihm. »Hier her. Vielleicht auch nicht.«
»Warum?« Er drehte sich ebenfalls ein wenig zu ihr. Sah sie an. Sie hatte wache, schöne Augen.
»Ich weiß nicht. Ich musste raus.«
Er nickte. Schwieg. Fror in seinen nassen Klamotten.
»Und Sie?« Fragte sie.
»Ich hatte hier zu tun.«
»Ah.« Sie hielt ihr Glas in beiden Händen.
Sie schwiegen.
»Kunst«, sagte er dann.
»Wie bitte?«
»Ich wollte mir Kunst anschauen. Privat, Haushaltsauflösung. Aber sie haben mich so nicht reingelassen.«
»Hätt’ ich auch nicht.« Sie lächelte. »Ich bin davongelaufen. Vor meinem Leben.«
»Wieso?«
Sie stütze ihren Kopf auf eine Faust. »Kennen Sie das, wenn einen die Wände in der eigenen Wohnung einengen?«
Er nickte.
»So war das. Nur waren es nicht nur die Wände.«
Ein weiteres Nicken. »Ja, das kenne ich auch.«
»Also bin ich hergekommen.«
»Wieso haben Sie sie eingeengt?«
Sie überlegte. »Ich weiß es nicht.«
Das Glas lag kühl in seiner Hand. »Manchmal ist da so.«
»Ja. Manchmal ist das so.« Sie nahm ihr Glas ebenfalls in die Hand.
»Glauben Sie an Schicksal?«
»Nein.« Er nahm einen Schluck.
»Ich auch nicht.«
Sie sah zum Regen. Er zu ihr.
War sich plötzlich in seiner Antwort unsicher.

Bild: Aleksandr Rebenkov

💌 Schreib mit: Prompt & Newsletter

Schreib deine Szene zum Prompt – für dich, für andere oder in die Kommentare.
Oder abonniere den Sonntagsbrief und erhalte:
– den wöchentlichen Schreibprompt
– exklusive Notizen aus meinem Prozess
– Tipps fürs Schreiben


     width=

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen