
Du bist an deinem Ruhepol. Doch die Ruhe bleibt aus.
🖋️ Szene: Der Apfelbaum
Die Rundungen des Apfels schmiegten sich perfekt in ihre Handfläche, ehe er ihr durch die Finger glitt. Auf den Zehenspitzen streckte sich Orthena weiter nach oben, um ihn besser greifen zu können, doch sie bekam einfach keinen guten Halt. Das Laub um sie herum raschelte, als sie angestrengt versuchte, ihre Arme noch ein kleines Stück länger werden zu lassen. Duft warmer Blätter liebkoste ihr Haar und kleine Äste verhedderten sich darin. Unbeholfen sprang sie ein Stück hoch. Doch der Apfel entglitt ihr immer wieder, als spiele er ein Spiel mit ihr.
Frustriert senkte sie die schmerzenden Arme und blinzelte in die Baumkrone. Die anderen Äpfel leuchteten noch verführerischer, strahlten noch röter. Doch sie waren allesamt unerreichbar für sie. Verärgert blies sie die Backen auf. Der abgelegene Apfelbaum auf dem Gipfel des Hains war ihr Ruhepol. Hier konnte der Wind das Blöcken der Ziegen übertönen und trug stattdessen den Geruch von Salz und Zitronen zu ihr.
»Soll ich dir helfen?«
Orthena wandte sich rasch um und sah Zeros auf sie zu schlendern. Sein Helm war unter seinen rechten Arm geklemmt, den Kamm nach hinten und das braune Haar fiel ihm in die Stirn. Ihr fiel sofort auf, dass er seinen Brustpanzer nicht trug, auf den er vor einigen Tagen noch so stolz gewesen war. Nur ein Gurt spannte sich über seine Brust und der Schwertgriff ragte hinter seinem Kopf hervor. Mit seiner linken Hand versuchte er die Sonne abzuschirmen, aber seine dunklen Augen kniff er zusammen, dass Orthena kaum erkannte, ob sie noch geöffnet waren.
»Nein«, sagte sie und wandte sich wieder zum Apfelbaum. Ein Versuch den Apfel zu erreichen, wäre zwecklos. Doch sich die Blöße zu geben und sich helfen zu lassen, kam nicht in Frage.
Sie konnte hören, wie der Kies unter seinen Sandalen knirschte bei jedem Schritt, mit dem er ihr näher kam. Trotzdem griff sie unbeirrt weiter in die Baumkrone und zog halbherzig an einem Ast.
»Bist du noch wütend?«, fragte Zeros. Seine Stimme war dicht hinter ihr. Sie konnte ihn riechen. Zedernholz, Lavendel und sonnengewärmte Steine. Unwillkürlich schloss sie ihre Augen und ließ den Arm hängen.
Ein Seufzen teilte ihre Lippen. »Nein, Zeros. Ich bin nicht wütend.«
»Warum siehst du mich dann nicht an?«
»Weil ich…« Sie fuhr zu ihm herum und einen Moment steckten ihr die Worte im Hals. »Weil ich versuche, einen Apfel zu pflücken. Und eine Konversation mit dir, behindert dieses Vorhaben.«
Zeros stand direkt vor ihr. Den Helm hatte er neben sich auf die trockene Erde gelegt und lehnte sich mit beiden Armen in das Geäst des Apfelbaums. Seine Lederstützen rieben schwach über das Holz, während er vor und zurück wippte. Dann sah er zum Apfel hoch, nach dem sie versucht hatte zu greifen und grinste.
»Nun, ich könnte dir behilflich sein, wenn du mich nett darum bittest.« Er hielt einen Moment inne und musterte ihre Hände. »Was machst du überhaupt hier oben? Solltest du nicht im Dorf sein?«
Orthena lehnte sich gegen den Stamm des Baums. Beinahe wäre sie sofort zurückgezuckt, als sich die Rinde unangenehm in ihren Rücken bohrte. Stattdessen wand sie den Kopf von ihm ab und sah durch die Blätter rechts von ihnen auf den Hang. Schwach konnte sie dazwischen die Steinhütten erkennen, die sich aneinander reihten, ehe sich das Meer vor ihnen ausbreitete.
Sie zuckte mit den Achseln und zupfte ein verirrtes Blatt aus ihrem Haar. »Sollte ich bestimmt. Ich wette, Throis tobt bereits vor Wut. Eigentlich hätte ich heute die Ziegen zurück ins Tal treiben sollen.«
Der knorrige Ast, auf dem er lehnte, quietschte. »Wieso hast du es nicht getan?«
Ihr Blick fand den seinen. »Ich wollte dich nicht sehen.«
Zeros zog eine Augenbraue hoch und grinste. »Und dann gehst du ausgerechnet hier her? Zu Aphrodites Liebesbaum?«
Orthena schnaubte. »Es sind bloß Äpfel, Zeros. Und sie sind reif.«
»Das weißt du erst, wenn du ihn probiert hast. Vielleicht ist er bereits innerlich verdorrt. Oder faulig.«
»Das musst du am besten wissen.« Orthena stieß sich vom Stamm ab und duckte sich unter einem Ast hindurch auf die andere Seite des Baums. Sie setzte zum Lauf an, doch ihr Leinengewand verhedderte sich im Baum. Ohne zu überlegen riss an ihrem Peplos und hörte ein zischendes Reißen.
»So eilig möchtest du plötzlich von mir weg?« Zeros kam mit großen Schritten um den knorrigen Baum und legte den Kopf schief. Ein amüsiertes Lächeln wollte an seinen Lippen zupfen, aber es erreichte seine Augen nicht. Seine Augen waren müde.
»Was willst du, Zeros?« Sie sah ihn nicht an, sie klammerte ihre Hände an den Stoff.
Er seufzte, streckte einen Arm in die Baumkrone und pflückte den Apfel. Die Schale lag brennend rot in seiner großen Hand. Einen Augenblick lang starrte er ihn an, unsicher, was er damit tun wollte, dann machte er einen weiteren Schritt und reichte ihn Orthena, die ihr Leinengewand nach dem Riss absuchte.
»Orthena. Du weißt, dass ich gehen muss. Hätte ich eine Wahl würde ich bleiben.«
Sie sah auf. So hatte sie seine Stimme noch nie gehört. Sie klang beinahe flehend, fast so als würde es ihm tatsächlich leid tuen, als würde es ihn schmerzen, als könnte er tatsächlich etwas empfinden.
»Warum solltest du keine Wahl haben? Es ist nicht so, als befänden wir uns im Krieg.« Orthena sah auf den Apfel in seiner ausgestreckten Hand hinab. Das Wasser lief ihr bei seinem Anblick im Mund zusammen. So rot wie die Lippen Aphrodites schimmerte er zwischen ihnen.
»Ich kann nicht hier bleiben. Hier …« Er hielt inne und hob den Kopf um in den Himmel zu sehen. »Hier gibt es nichts für mich. Diese Hügel und das Vieh… So möchte ich nicht leben.«
»Na und? Ich hasse es hier auch. Denkst du, ich möchte tagein, tagaus nach Ziegenmist riechen? Denkst du, ich möchte nicht aufs Festland? Oder zu den Göttern an den Olymp treten? Als würde es mich nicht einengen, in allen Himmelsrichtungen das Meer zu sehen. Zumindest hatten wir immer einander, egal wie nah die Wellen kamen.« Wütend griff Orthena nach dem Apfel und kam aus dem Geäst des Baumes hervor. Die Sonne traf sie mitten ins Gesicht, doch sie stampfte weiter durch die trockene Erde. Weiter weg vom Dorf. Immer weiter. Auf das Meer zu, dieses blöde Meer, das sie von allen Seiten umschloss und hier einsperrte.
Zeros folgte ihr. Sie hörte, wie er rasch den Helm vom Boden auflas und seine Sandalen den Kies knirschen ließen. »Orthena, warte!«
»Worauf? Du gehst ohnehin!«, rief sie ohne sich umzudrehen.
»Ja! Heute, Orthena!«
Sie blieb stehen.
»Heute?«, hauchte sie.
»Heute.« Er kam hinter ihr zum Stehen.
Orthena sah auf den Apfel hinab und Tränen sammelten sich in ihren Augen. Sie hob die Frucht an ihre bebenden Lippen.
Mit einem lauten Knacken biss sie hinein, sein Geschmack breitete sich sofort in ihrem Mund aus.
Zeros hatte recht.
Übelkeit stieg in ihr auf.
Er schmeckte faulig.
Bild: Nathan Hulsey
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