
Eine uralte Tür öffnet sich.
Welches Wetterphänomen entfaltet sich dabei?
Manche Geschichten verfolgen dich, bis sie erzählt sind. Und das ist eine solche Geschichte.
In meine Szene geht es um zwei Charaktere, die mich nicht losgelassen haben. Vielleicht hatten sie noch etwas zu sagen.
Da es aber zu einfach wäre, über Charaktere zu schreiben, die ich bereits kenne. Habe ich es mir etwas schwerer gemacht. Und ein Wetterphänomen eingebaut.
🖋️ Szene: Das Feuer
Dicke Flocken tanzten vom Himmel hinab, wogen sich im Wind, flatterten ungleichmäßig durch die heiße Luft. Sie waren zu klein, zu groß, zu leicht, zu schwer. Auf den ersten Blick hätte sie gedacht, es waren Schneeflocken. Doch der beißende Geruch nach brennenden Holzscheiten war verräterisch.
Areya schlag sich einen Schal fest um ihr Gesicht, ließ nur einen Spalt für ihre Augen frei. Sie trat an ihre Tür und holte tief Luft. Sie hätte sich nicht dafür sammeln müssen. Sie hätte gar nicht erst gehen dürfen. Durch die Scheibe beobachtete sie die Flocken, die immer schwärzer wurden.
Dann riss sie die Tür auf. Der Geruch von Feuer und Glut brannte stechend scharf in ihren Augen, sodass sie diese zusammenpresste. Heiße Tränen rannen ihr die Wangen hinab, doch sie setzte sich in Bewegung. Ihre Röcke klebten sofort heiß an ihren Beinen, schlagen sich wie schwere Tücher um sie und zogen sie nach unten, doch Areya lief weiter. Das hohe Gras verlangsamte ihre Schritte, Sträucher zerrten an ihrer Kleidung, doch nichts konnte sie aufhalten.
Sie hatte es ihm versprochen. Sie würde ihn an dieser Tür treffen, auch wenn sie sich dabei die Kleider vom Leib reißen musste. Oder brennen.
Asche legte sich auf ihre Haare, in ihre Augen, verwischte ihre Sicht, die Tränen rannen stetig über ihre Wangen. Sie wischte sich über die Schläfe, spürte wie sie die Asche schwarz über ihrem Gesicht verteilte. Doch das war gleichgültig, es zählte nicht, wie sie aussah. Nichts zählte. Nur die Tür.
Die Spitze der Kirche ragte vor ihr auf, Flammen schlagen sich bereits um das Gewölbe.
Nein! Das durfte nicht passieren.
Areya lief schneller, rannte. Ihre Schritte wurden immer länger, der Schal war zu eng, erdrückte sie, nahm ihr zu viel Luft. Sie riss ihn von ihrem Mund und nahm zwischen zwei schnellen Schritten einen tiefen Zug.
Keuchend sackte sie in die Knie, der Ascheregen fuhr ihr direkt in die Lunge, räucherte sie von innen aus, stahl ihr noch mehr der Luft. Doch sie richtete sich wieder auf. Würgend schlag sie den Schal wieder um Mund und Nase, verlangsamte die Schritte, nur ein wenig.
Die Kirche nahm immer mehr ihres Sichtfelds ein, Ziegel schmetterten bereits auf den Boden, das Holz im Inneren knisterte und krachte.
Bitte, bitte lass die Tür intakt sein!
Die letzten Schritte begann sie wieder zu sprinten.
Griff nach dem Türknauf.
Zischend zog sie die Hand zurück.
Blickte unter Tränen auf ihre Handfläche.
Eine hässliche rote Brandblase begann sich bereits zu bilden. Schnell schlang sie ihre Röcke um die Hand und zerrte die Tür auf. Das Metal im Rahmen hatte sie bereits verzerrt, sie lehnte sich mit ihrem gesamten Gewicht dagegen. Mit einem schrillen Kreischen schwang sie auf. Areya fiel auf ihren Hintern. Schmerzen zuckten durch ihren Körper, doch sie ignorierte sie. Ignorierte alles.
Sie hechtete durch die offene Tür ins Innere. Den Blick nach vorne gerichtet, direkt auf die große antike Tür gerichtet.
Bis auf lodernde Flammen und eine alte Tür, die ins Nichts zu führen schien, war sie leer. Die Tür war mehrere Meter hoch, aus altem Eichenholz mit kunstvollen Schnitzereien und schmiereisernen Ornamenten war sie eins wunderschön gewesen. Jetzt war sie nur noch Futter der Flammen.
Das Eisen glühte bereits und beißender Geruch nach Feuer und Asche brannte in ihrer Lunge. Sie musste sich beeilen. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit. Entweder würde die Tür verbrennen oder die Kirche zusammenbrechen.
Areya kroch über den Boden in die Mitte des Raums, schlag sich mehr ihrer Röcke um die Hände und zerrte am Türgriff. Er bewegte sich nicht.
Frustriert schrie sie auf. »Geh auf!«
Doch die Tür interessierte sich nicht für sie. Sie zerrte kräftiger, sie quietschte. Doch bewegte sich keinen Millimeter. Nicht einen. Ihre Hände schmerzten und brannten bis sie taub waren. Dann zog sie fester und heftiger, riss daran, schrie.
Und dann – endlich – flog sie auf.
Der Geruch von Angst und nassem Schwefel knallte ihr ins Gesicht, Areya warf sich ins Innere und mit einem Knall fiel sie hinter ihr ins Schloss, verschwand sofort.
Als wäre sie ihrer Sinne beraubt worden, taumelte sie auf ihren Knien einige zittrige Schritte nach vorne, ehe sie zusammenbrach.
War sie taub? Hart schlug sie auf den Boden. Ein dumpfes Geräusch ertönte. Nicht taub.
Sie wischte sich die Asche und die Tränen aus den Augen, wickelte den Schal aus ihrem Gesicht, holte tief Luft. Der Schwefel brannte in ihrer Nase, war aber deutlich angenehmer als das Feuer.
Unsicher sah sie sich um. Sie war in eine Ebene gefallen. Niedriges Gras stand starr und störrisch im Tal, kratzte an ihren Händen. Es gab keinen Wind, nicht einen Luftzug.
Vor allem fühlte sie seine Abwesenheit. Ihre Brust zog sich zusammen.
Areya setzte sich auf und tastete in ihrer Tasche nach dem Päckchen, das sie verstaut hatte. Fand es nicht auf Anhieb ihr Herz begann zu rasen. Nein. Wenn sie es verloren hatte, war alles umsonst gewesen, dann hätte sie nicht herkommen dürfen. Sie hätte-
Dann stießen ihre Finger gegen hartes Papier.
Sie atmete auf.
Nun fehlte nur noch-
»Areya.« Sie zuckte zusammen. Eine hypnotische Stimme schwang zu ihr herüber.
Sie atmete ein. Kirsche. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus und sie drehte sich auf ihrem Hintern herum. Sah zu ihm auf in seine violetten Augen.
»Ich dachte du kommst nicht.« Sie hob das Kinn und verengte die Augen.
Velamir schenkte ihr ein spöttisches kleines Lächeln. »Als hätte ich dich hier im Staub liegen gelassen, Liebste. Diesen Anblick werde ich mir für die Ewigkeit einprägen. Und hoffen, sie sei nicht all zu lang.«
Ein Stich fuhr ihr durch die Brust, sie ließ sich nichts anmerken. »Ja, also… ich habe es dabei.«
Sie kramte nach den Päckchen in ihrer Tasche, fand es. Warf es ihm zu. Er fing es lässig mit einer Hand auf, reichte ihr die andere. Sie nahm sie dankbar an. Kühl, glatt, vertrauensvoll lag sie in ihrer.
Er zog sie weiter als sie erwartet hatte, sie prallte sanft an seine Brust. Die violetten Flüsse in seiner Iris tanzten. Sie verlor sich darin, Kirschgeruch hüllte sie ein.
»Ich habe dich vermisst«, hauchte Areya.
Er lächelte. Wickelte eine Haarsträhne um seinen langen Finger, zerrieb die Asche darin. Und schwieg, doch er wich nicht zurück.
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Bild: Egor Vikhrev
