
Manche Zeichen wollen gesehen werden. Dieses drängt sich auf:
Ein Zeichen erscheint auf deiner Haut.
Manchmal warten wir auf Zeichen — und manchmal tauchen sie einfach auf. Ob Zufall, Einbildung oder eine Botschaft, die uns finden soll, spielt dabei oft keine Rolle.
Aber was, wenn es so real ist, dass kein Zweifel möglich bleibt?
🖋️ Szene: Das Mal
Mit einem nassen Schmatzen landete eine Portion Haferschleim in meiner Schüssel. Ich rümpfte die Nase. Misstrauisch beäugte ich den dampfenden Haufen, als ich mich mit dem Tablett zu einem leeren Tisch bewegte. Beinahe enttäuscht darüber, dass er sich nicht bewegte, schwang ich ein Bein über die kalte Bank und nahm Platz. Mein langer brauner Pferdeschwanz schwang mir dabei über die Schulter und landete beinahe in der Pampe. Ich zuckte zusammen, als jemand klirrend sein Tablett neben mir auf den Tisch fallen ließ.
»Morgen, Lissa.« Viras Gesicht drängte sich in mein Blickfeld. Sie gähnte und stützte ihre Ellenbogen neben mir auf den Tisch und vergrub ihr Gesicht in den Händen.
Ich beachtete sie nicht, nahm meinen Löffel in die Hand und stocherte lustlos in die graue Pampe. »Morgen.«
»Wie kannst du das Zeug nur essen?«, fragte Vira und lugte zwischen ihren Fingern hervor.
»Das Geheimnis ist Mangel an Alternativen.« Meine Worte klangen bitter. Waren ebenso gemeint. Beinahe täglich träumte ich mich zurück in die Zeit, als es Bäckereien gab und der Geruch nach warmem Brot und Zimt stets in der Luft hing. Als ich mir morgens einen frisch gebrühten Kaffee hatte einschenken lassen auf dem Weg in die Brauerei. Dieser Job war meine Erfüllung gewesen. Obwohl ich selbst auch früher keine Magie besessen hatte, sortierte ich Kräuter, trocknete Blüten und bereitete Teemischungen zu. Kümmerte mich um die Bücher, organisierte Termine-
»Lissa?«
»Hm?«, machte ich, als Viras Stimme in mein Bewusstsein sickerte.
»Du isst nicht. Du kommst zu spät zur Schicht.«
Die Schicht.
Seit die Hexen gefallen waren und Zauberei verboten wurde, gab es keine Kräuter mehr, keinen Zimt, keine Tränke und keinen Kaffee. Es war als hätten sie mit der Magie die Farbe aus der Welt gezogen. Geblieben war nur Grau. Graue Wolken, graue Nahrung, graue Kleidung, graue Häuser. Sogar die Gesichter der Menschen wirkten grau und eingefallen.
Ich schluckte, versuchte zu lächeln und schob mir einen vollen Löffel Haferschleim in den Mund. Sobald er sich mit meinem Speichel mischte, wurde er klebrig und ließ sich kaum meine Kehle hinunterwürgen.
»Gehst du mit mir in die Fabrik?«, fragte ich Vira zwischen zwei Bissen. Nicht aus Interesse, sondern um den nächsten Löffel hinauszuzögern.
Sie schüttelte ihre braunen Locken. Auf ihrem Tablett lagen zwei Scheiben graues Brot, daneben ein Becher mit Tee. Ich wusste nicht, woraus der Tee gemacht wurde, nur, dass er bitter schmeckte und mir schwerer im Magen lag, als der Haferschleim. Mir war schleierhaft, wie das möglich sein konnte.
»Nein, ich habe doch heute frei. Das weißt du doch.« Vira biss in ihr Brot. Sie beherrschte es wie keine Zweite, dabei das Gesicht nicht zu verziehen. Ich hingegen konnte das nicht. Meine Nase blieb gekräuselt, bis ich schweigend den letzten Bissen hinuntergeschluckt hatte.
»Ich wünsche dir einen tollen Tag!«, rief ich Vira zu, als ich mich mit dem Tablett vom Tisch erhob und abwandte.
»Lissa?«
In der Bewegung hielt ich inne und drehte den Kopf leicht zurück. Fragend sah ich sie an.
Sie kniff die Augen zusammen. Meine Brauen zogen sich hoch, doch ich sagte kein Wort. Ich wartete.
Mit einem Finger deutete die Brünette in meinen Nacken. »Du hast da… was..«
»Was meinst du?« Verunsichert stellte ich das Tablett auf den Tisch. Meine Hand wanderte in meinen Nacken, ich konnte nichts spüren.
» Ich weiß nicht. Einen Fleck.« Sie zuckte mit den Schultern.
Einen Augenblick erstarrte ich und hielt die Luft an. Vira legte den Kopf schief und musterte mich. Ihr Blick wechselte von neugierig zu besorgt.
Ich rang einen Wimpernschlag lang um Fassung, blinzelte und setzte ein kleines Lächeln auf. »Okay. Ich sehe dich später, ja?«
Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte ich mich ab und lief mit großen Schritten zum Ausgang. Die Kantine wurde zu einem einzigen verschwommenem Grauschleier, als ich schneller und schneller wurde. Köpfe fuhren zu mir herum, doch keiner war interessiert genug, um mich anzusprechen. Ich brach durch die schwere Tür der Kantine. Jemand fiel, doch ich rannte los. Ich riss mir den Haargummi aus den Haaren und meine braunen Haare ergossen sich über meine Schultern. Verdeckten hoffentlich das Mal.
Das Herz jagte in meiner Brust, als wollte es mit meinen Füßen mithalten, die über das Kopfsteinpflaster donnerten. Wo rannte ich hin? Zur Schicht? Nein. Ausgeschlossen. Ich musste Heim. An den einzigen Ort, der mir ein wenig Privatsphäre bot.
Ein Fleck in meinem Nacken. Ein Mal. Sorellas Worte schossen mir sofort durch den Kopf, wie ein Mantra. Eine Beschwörung. »Das Mal wird sich eines Tages zeigen. Und dann…« Ich schüttelte energisch den Kopf, hob leicht den Blick. Ich hatte die Hauptstraße erreicht, nur noch ein paar Meter. Hitze stieg mir in die Wangen und Blicke brannten auf mir. Verätzten jeden Zentimeter meiner Haut. Passanten musterten mich argwöhnisch, legten die Köpfe schief und schürzten die Lippen.
Ebenso wie die Stadtwache, die am Verwaltungsgebäude postiert war. Ein grimmig aussehender Mann in anthrazitfarbener Uniform runzelte die Stirn, bevor er sich aus der Formation löste. Sein Blick fixierte mich und er ging direkt auf mich zu. Ich musste hier weg. Schnell. Wenn es das war, was ich dachte, dann…
»Miss?«, rief er mir entgegen.
Ich ignorierte ihn und beschleunigte meine Schritte. Noch drei Häuser, dann würde ich links in der Gasse verschwinden. Zwei. Eins.
Ich hechtete um die Ecke. Dann rechts. Und in den Eingang. Fischte nach meinen Schlüsseln in meiner Hosentasche. Meine Finger zitterten, als ich versuchte mit dem Schlüssel ins Schloss zu treffen. Klirrend fiel der Schlüssel zu Boden. Ich fluchte. Panisch sah ich über meine Schulter, ich hatte kaum Vorsprung aufgebaut. Er würde mich finden, er würde mich… Klick. Der Schlüssel traf und drehte sich, die Tür fiel krachend auf und ich warf mich in den beengten Hausflur. Schwer atmend hetzte ich die Treppe hinauf und schloss meine eigenen Haustür auf. Mit einem lauten Knall schloss sie sich hinter mir. Doch ich hörte es kaum. Hörte nur das Rauschen meines Blutes in den Ohren. Flink verschloss ich die Tür und dann endlich…
Endlich konnte ich den Fleck betrachten. Ich ging ins Badezimmer, das kaum groß genug war, um sich einmal herumzudrehen und tastete im Regal nach einem Handspiegel. Meine Finger schlossen sich um den kalten Metallgriff und zum ersten Mal seit Minuten, flutete mich etwas Erleichterung. Den Spiegel in der einen Hand, strich ich mir die Haare mit der anderen von den Schultern. Dann positionierte ich den Spiegel so, dass ich einen guten Blick in meinen Nacken hatte.
Und erstarrte.
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Bild: Timothy Dykes
