Du wartest. Und während du wartest, löst sich dein Selbstbewusstsein auf.

Manchmal finden wir uns in Situationen wieder, in denen wir selbstsicher wirken – doch unter der Oberfläche die Unsicherheit brodelt.

In so einer habe ich mich vor kurzem wiedergefunden. Und das hatte mich sofort an ein Bewerbungsgespräch erinnert. Der kalte Schweiß auf der Stirn, das Imposter-Syndrom, das nervöse Zittern, der flache Atem.

Wann warst du das letzte Mal in einer Situation, die dein Selbstbewusstsein zum schmelzen brachte?

🖋️ Szene: Das Bewerbungsgespräch

Der Raum war zu groß, zu leer. Vielleicht war ich auch einfach zu klein. Die Luft war stickig, kein Fenster ließ sich öffnen. Und meine Bluse war zu eng. Der Besprechungsraum, in dem sie mich zurückgelassen hatte, um sich auszutauschen, erdrückte mich, die Wände kamen näher und ich ertrank im Vakuum.
Äußerlich saß ich ruhig da. Vielleicht wirkte ich von Weitem sogar gelassen. Die Beine überschlagen, die Schuhe poliert, der Rock gebügelt. Aber ich war mir sicher, dass meine Wangen vor Hitze glühten und die Stirn glänzte.
Was dachte ich eigentlich, wer ich war?
Ich? Leitung. War ich denn von allen guten Geistern verlassen?
Meine innere Stimme lachte über mich. Das Gelächter hallte in meinen pochenden Ohren, vibrierte über mein Trommelfell.
Als ich die Anzeige gesehen hatte, erschien mir das als nächster Schritt in meiner Karriere. Die nächste logische Instanz, der nächste Titel. Ich konnte doch ein Team leiten. 
Oder?
Nein, ich belog mich selbst und es stand mir ins Gesicht geschrieben. Prangte in Leuchtbuchstaben auf meiner Brust, angetrieben von meinem flatternden Herzen.
Hilfesuchend huschten meine Augen durch die gläserne Wand in den Flur. Nachdem ich aus dem Aufzug gestiegen war, hatte ich die Umgebung kaum wahrgenommen. Alles war an mir vorbei gerauscht. Nun hatte ich genug Zeit das nachzuholen. 
Hinter dem polierten Glas lag ein Meer aus dunkelblauem Teppich. Nur vereinzelt durchbrochen durch kleine Inseln in Form von kaum genutzte Sitzgelegenheiten und dezent dekorierten Couchtischen. An den sonst kahlen Wänden hingen Plakate mit motivierenden Sprüchen. Ein typisches Büro. Doch eins der Poster erregte meine Aufmerksamkeit und lenkte meine Gedanken in eine neue Richtung.
Wir machen Sie exzellent. 
Konnte ich jemanden exzellent machen? Kunden, Mitarbeiter, Kollegen? Oh Gott, ich war selbst ein wandelndes Chaos. Ich hatte mir über die Bluse, die ich eigentlich anziehen wollte, Kaffee gekippt und musste eine andere nehmen. Hoffentlich konnte man unter meinem Blazer nicht erkennen, dass ich nur die Vorderseite gebügelt hatte. 
Die Atemzüge scheuerten bereits in meiner trockenen Kehle, als ich Schritte hörte. Gleich würden sie kommen und mir absagen. Ein Lachen drang um die Ecke. Und sie fanden es auch noch lustig. Ich war gelie- 
Zwei Männer im Anzug unterhielten sich angeregt, als sie meine Glasbox passierten. Ich hatte sie noch nie gesehen. Sie wirkten ausgelassen. War es so hier zu arbeiten? Kaffee mit Kollegen um zwei Uhr? Eine gemütliche Runde durchs Büro oder auf dem Weg zu einem Termin. Das klang gar nicht übel. Ja, tatsächlich entsprach das genau meiner Vorstellung.
Ich würde mich morgens an den Tresen am Empfang lehnen - ob das echter Marmor war? - mit der Sekretärin tratschen, uns gemeinsam ein Getränk holen und mein Team begrüßen. Meinen gepflegten Kalender studieren, ein Croissant dabei essen. Ein paar Projekte planen, Aufgaben verteilen, delegieren. Ich konnte das. Ich war bereit. 
Aber wo blieben sie nur? Es waren sicher schon Minuten vergangen, seit sie sich zurückgezogen hatten. Bestimmt sahen sie sich mein Social Media an. Meine Atmung setzte einen Moment aus bei dem Gedanken, sie würden sich meine Bilder aus dem letzten Urlaub ansehen. Vor meinem geistigen Auge saßen sie alle im Nebenraum, mein Instagram auf einer großen Leinwand. Ein roter Laserpunkt, der die Flasche Schnaps in meiner Hand hervorhob. 
Nein, das würden sie sicher nicht machen. Das hatten sie bereits gemacht. Ein Tropfen Schweiß lief mir die Stirn herab. Hektisch wischte ich ihn mit meinem Ärmel ab.
Oder sie riefen meine Kollegen an. Fragten sie nach meinen Fehlern. Wie ich letzten Monat aus Versehen einen Report gelöscht hatte. Oder ein paar Manuskripte geschreddert hatte und neu drucken musste. Die Druckerkosten wurden mir vorgerechnet. Dreimal. Das war in meine Bewertung eingeflossen.
Aber… Was wenn ihre lange Abwesenheit ein gutes Zeichen war? Für eine Millisekunde erlaubte ich mir die Hoffnung. Was hatte ich zu verlieren? 
Ah ja. Berufliche Perspektive. Vielleicht meine Selbstachtung.
Ich trommelte mit den Fingern gegen meinen Unterarm, als würde ich mich damit aufwecken können. Meine Haut klebte am Stoff, unangenehme Feuchtigkeit zog sich über meine Arme. Der Blazer musste weg, ich war bereit ihn von mir zu reißen, doch stoppte mich in meiner Bewegung. Ich hatte auf jeden Fall Schweißflecken - warum zum Teufel war es hier auch so warm? - und ich hatte doch meine Bluse nicht gebügelt, schon vergessen? Nervös begann mein Auge zu zucken. Nein! Hör auf! Sie werden reinkommen und denken, ich wäre übergeschnappt. Vollkommen irre. Eine labile Frau, die es sich nicht lohnt einzustellen.
Definitiv niemand, der leiten kann. Niemand, der etwas von guten Texten versteht. Vielleicht jemand, der zu viel Kaffee trinkt. Definitiv jemand, der ein Problem mit Koffein hat.
Tief durchatmen.
Jeder Versuch mich selbst zu beruhigen, lief ins Leere. Der Drang, nach meinem Handy zu greifen, keimte in mir auf. Wurde sogleich niedergekämpft von der Vorstellung, dass sie wiederkämen, und ich säße desinteressiert hier. Am besten noch mit peinlichen TikToks auf dem Bildschirm. Wahrscheinlich ASMR. Mit etwas Glück nur eine LipSynch ohne Aussage. Ich verfluchte meinen Algorithmus, aber wenn ich poetische Motivationsreden ausgespielt bekäme, hätte ich trotzdem keinen besseren Eindruck gemacht.
Mein Blick zuckte wieder hin und her. Ich brauchte etwas, womit ich mich beschäftigen konnte. Angestrengt lauschte ich, hoffte auf irgendwelche Geräusche. Ein klingelndes Telefon. Rascheln von Papier. Der Teams-Klingelton. Sofort bekam ich Gänsehaut. Was, wenn mich jemand aus meinem Job versuchte zu erreichen? Ich hatte gesagt, ich habe einen Termin und käme später. Sie wussten sicher genau, dass ich ein Bewerbungsgespräch hatte. Wenn ich wieder online wäre, würden sie mich kündigen. Auf jeden Fall. Es musste so sein, was würde ich dann machen?
Verdammt, das war auch nicht gut. Keine Geräusche. Ich sah aus dem Fenster. Das Büro lag direkt über einen Fluss. Perfekt. Wasser. Wasser wirkte beruhigend auf Menschen, oder? Hatte ich zumindest mal gelesen. Na gut - auf Instagram - aber gelesen!
Das Wasser floss schnell an mir vorbei. Aber der schlammige Braunton sah ungesund aus. Als würde es einen auffressen, wenn man die Hand reinsteckte. Ich beobachtete die Menschen, die in einem Boot gemütlich über die kleinen Wellen glitten. Inständig hoffte ich für ihre Gesundheit, sie würden kein Wasser schlucken. Warum nur war das Wasser so dunkel? Ich konnte weder den Grund erkennen noch die Wände des Kanals. Irgendwie ekelhaft. Übelkeit stieg mir die Kehle hoch. 
Das hatte mir gerade noch gefehlt.
Meine Atmung kam wieder schneller.
Und dann - endlich - näherten sich Schritte. Mein Kopf schnellte zur Tür, viel zu schnell für meinen Magen. Schwer schluckte ich und setzte ein Lächeln auf. So elegant wie möglich richtete ich mich auf.
Die Tür wurde sanft aufgeschwungen. Und ich beruhigte meine Atmung, lockerte mein Lächeln und wartete. Als wäre nichts gewesen, als wäre ich souverän. Was sonst?
»Vielen Dank für Ihre Geduld!«

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Bild: Nastuh Abootalebi

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