Manche Prompts sind vielseitiger als andere, so wie der Impuls in dieser Woche:

Du hörst eine Stimme hinter der Wand.

Die Prompts, die ich am liebsten schreibe, sind die, die aus alltäglichen Situationen heraus entstehen. Und als ich letztens meinen Nachbarn in der Dusche singen hörte, entstand genau so einer. Doch eine Stimme hinter der Wand kann noch so viel mehr sein. Es kann bedrohlich sein. Oder mystisch. Vielleicht gefährlich. Oder aber der Beginn einer Romanze.

Was machst du daraus?

🖋️ Szene: Der Gesang

Mit jeder Sekunde kochte die Wut in mir höher. Ich hatte nicht geahnt, dass sich so viele Emotionen in mir aufgestaut hatten. Wenn ich noch eine einzige schiefe Note durch die Wand meines Badezimmers hörte, dann würde ich explodieren.
Ich presste den Kiefer zusammen und das Kissen fester auf mein Ohr. Die Ohrstöpsel, die mir sonst die Welt vom Leib hielten, hatten keine Chance gegen das schrille, vibrierende E meines Nachbarn. Es fühlte sich an, als würde er einen rostigen Nagel mitten in mein Trommelfell jagen.
Es war mir absolut unmöglich, mich auf meine eigenen Gedanken zu konzentrieren. Diese verdammten papierdünnen Wände.
Als er die Bridge von Taylor Swifts »Don’t Blame Me« erreichte, war meine Geduld am Ende. Entnervt setzte ich mich auf und zog die Schlafmaske ein Stück über mein rechtes Auge und blinzelte gegen die plötzliche Helligkeit an. Ein Blick auf den Wecker verriet mir, dass es etwa acht Uhr morgens war. Musste er nicht längst zur Arbeit?
In meiner gestrigen Nachtschicht in der Notaufnahme hatte ich einen Patienten verloren. Ich wollte mich einfach nur in der Trauer suhlen und mich in den Schlaf weinen. Doch wie zur Hölle sollte ich das anstellen, wenn-
War das »Enchanted«? Taylor war auf Shuffle?
Das reichte.
Ich riss die Decke von mir herunter und suchte mit dem rechten Fuß unbeholfen nach meinen Hausschuhen. Kaum hatte ich sie an dem Fuß, schwang ich das andere Bein vom Bett, direkt auf die flauschige Sohle. Das Wasser nebenan wurde abgestellt und der Gesang wanderte durch die Nachbarwohnung, gerade, als ich mir einen weiten Hoodie über den Pyjama zog.
Er würde jetzt sein blaues Wunder erleben. Mit energischem Schritt kam ich aus meinem Schlafzimmer, schnappte mir die Schlüssel von der Kommode und entriegelte das Sicherheitsschloss meiner Haustür.
Dann hielt ich inne.
Er war erst vor ein paar Wochen neben mir eingezogen, ich hatte ihn noch nie getroffen. Noch nicht mal im Flur, oder am Briefkasten. Kannte nur seine Stimme, während er vor der Arbeit duschte.
Die Erschöpfung und mein gesunder Menschenverstand drängten mich zurück ins Bett. Schon wollte ich die Tür verriegeln. Dem Schlaf eine zweite Chance geben. Und dann fing er wieder an. Lauter als zuvor. Ich konnte selbst durch meine Eingangstür hören, wie er den Refrain von »Enchanted« bretterte.
Mein Gott, ehe er eingezogen war, hatte ich Taylor vergöttert. Hatte zu ihren Songs geweint, nach einer harten Schicht. Jetzt dachte ich an sein schiefes Summen, wenn ich sie auf dem Weg ins Krankenhaus hörte.
Eigentlich war ich nicht der Typ, der morgens Streit suchte, aber heute? Heute war es einfach zu viel. Vielleicht brauchte ich einen kleinen Streit, um nicht mehr an den Patienten zu denken, den ich nicht retten konnte. Sein fahles Gesicht, als…
Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, stand ich bereits vor seiner Haustür und klingelte. Einmal, zweimal, dreimal. Hörte meinen eigenen Herzschlag in meinen Ohren pulsieren. Das Wissen, dass dieser sich jenseits der hundert Schläge pro Minute befand, rang ich einfach nieder.
Als ich hören konnte, wie das Summen sich näherte und anschwoll, schürte es das Feuer in mir zusätzlich.
Die Tür wurde vorsichtig geöffnet und ein verwirrter junger Mann blickte auf mich herab. »Ja?«
Und das Feuer in mir erstickte in heißem Dampf, der nach Shampoo und warmer Haut roch.
Ein Kloß bildete sich in meiner Kehle.
Was mache ich hier nochmal?
Ich hatte einen bleichen Nerd mit Duschhaube erwartet. Keinen Halbgott mit Handtuch um die Hüften. Er roch nach Moschus und frischer Wäsche, ich wollte diesen Geruch nie wieder vergessen. Von seinen kurzen schwarzen Haaren fielen glitzernde Wassertropfen auf seine nackten Oberarme und er musterte mich. Seine grünen Augen sahen mich an, als überlegte er, ob ich wohl verrückt oder obdachlos war. Mir wurde die Schlafmaske sehr bewusst, die ich mir einfach achtlos auf die Stirn geschoben hatte, und meine Ohren begannen zu glühen.
Ein, zwei Herzschläge sagte keiner von uns etwas. Taylor trällerte unbeirrt im Hintergrund weiter.
Dann erwachte ich aus meiner Schockstarre.
»Ich… also…« Ich brach ab. Atmete kurz und abgehackt ein. »Ich wohne nebenan und ich will wirklich nicht unhöflich sein, aber Ihr Gesang stört leider meinen Schlaf. Könnten Sie bitte ein wenig leiser singen?«
»Äh…« Sein Kopf wandte sich verlegen nach rechts und seine Stirn legte sich in Falten. »Aber es ist doch schon nach acht Uhr morgens?«
Seine Stimme war tiefer, wenn er nicht sang. Gar nicht so übel.
»Ich weiß«, seufzte ich genervt. »Aber ich bin Krankenschwester. Und arbeite in der Nachtschicht.«
Das Gesicht blitzte wieder vor meinem inneren Auge auf.
»Ah.« Er setzte ein charmantes Lächeln auf. Seine Augen füllten sich wirklich mit Reue. »Das tut mir schrecklich leid. Kein großer Taylor Swift Fan, hm?«
Jetzt war ich es, die irritiert blinzelte. »Doch. Aber nicht von unaufgeforderten Covern.«
Seine Mundwinkel zuckten. Dann glitt sein Blick von meinem Gesicht über den Hoodie zu meiner gepunkteten Pyjamahose und den pinken Slippern. Er grinste amüsiert. »Ich bitte vielmals um Entschuldigung, sollten meine Gesangskünste nicht deinen hohen Ansprüchen genügen.«
Ich konnte spüren, wie die Hitze in meinen Wangen brannte. »Entschuldigung angenommen.«
Mein Blick wanderte ebenfalls unwillkürlich nach unten über seine Brust - bis zum Rand des Handtuchs. Ich wurde feuerrot. »Schönen Tag noch«, presste ich hervor und machte auf dem Absatz kehrt, bevor die Szene noch unangenehmer wurde.
»Sekunde.«
Ich erstarrte auf halbem Weg zur Tür und drehte den Kopf ein Stück. Nur so weit, dass ich ihn sehen konnte. Vielleicht sollte ich einfach umfallen und so tun, als wäre ich ohnmächtig geworden. Okay, keine echte Option.
Aus dem Augenwinkel sah ich, dass er einen Schritt aus der Tür gekommen war und  seinen Arm über den Türrahmen spannte. Ich könnte schwören, mein Herz geriet kurz ins Stolpern.
»Ja?«
Hatte ich eben gequietscht?
»Du hast dich gar nicht vorgestellt.«
»Katherine.«
»Katherine«, wiederholte er meinen Namen und legte den Kopf schief. »Schöner Name. Ich heiße Conrad«
Wenn ich es nicht besser wüsste, wäre ich davon überzeugt, mein Kopf stünde in Flammen. »Danke. Freut mich… dich kennenzulernen.«
»Es ist mir eine Ehre. Wir sollten das hier unbedingt wiederholen. Wie wäre es mit einem Karaoke-Abend?«
Das klang gar nicht übel - Moment, was?
Ohne eine Antwort zu geben, überwand ich die letzten Meter zu meiner Wohnung, schlug die Tür hinter mir zu und lehnte mich dagegen.
Sein Lachen drang aus dem Flur zu mir, bevor auch seine Tür ins Schloss fiel.
Wut und Trauer hatte ich erfolgreich aus meinen Gedanken verdrängt. Stattdessen hatte er mich peinlich berührt zurückgelassen. Ich wusste nicht, ob ich darüber lachen oder weinen sollte.
Und dann begann »Enchanted« von vorne, als hätten er und das Universum beschlossen, mich zu verarschen.

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Bild: Tanner Marquis

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