Es gibt nichts, was ich mehr liebe, als Prompts, die mir einfach zufliegen. Dieser war einer davon:

Dein Lieblingscafé hat zu.

Aus den banalsten Dingen lassen sich Geschichten spinnen. Bei mir begann es, als ich von meinen Lieblings-Schreibcafé eines Morgens seine Türen verschlossen hielt. Zum Glück nur für diesen Vormittag. Dauerhaft geschlossen? Unvorstellbar… oder vielleicht doch? Kaum hatte ich mich in meiner Ausweich-Location eingerichtet, malte ich mir genau dieses Szenario aus.

🖋️ Szene: Der Crema Club

Fassungslos starrte ich das Schild an.
Dauerhaft geschlossen.
Unmöglich. Ich war gestern erst hier gewesen. Ich konnte durch die Glasscheibe den Tisch erkennen, an dem ich gesessen hatte. Der dunkle Holzstuhl war leicht verrückt, als hätte eben erst jemand den Platz verlassen. Auf dem runden blauen Tisch stand noch eine Vase mit frischen Tulpen, sie ließen die Köpfe leicht hängen. Nicht ein Körnchen Staub lag auf den Tischen, als wären sie gerade erst gewischt worden. Über dem Tresen hing immer noch die große Tafel auf der in Kaligraphie jemand Crema Club gezeichnet hatte. Die Theke war leer, doch die Tortenglocken wirkten, als warteten sie sehnsüchtig darauf mit frischem Gebäck gefüllt zu werden. Sogar den Kaffee- und Zimtgeruch drang durch den Spalt in der Tür.
Ich blinzelte, während ich den Blick weiter über das Ladeninnere schweifen ließ, es hatte sich nichts verändert. Weder die Bedienung, noch die Eigentümerin hatten mir bei meinem gestrigen Besuch Bescheid gegeben. Die Sonne brach hinter mir zwischen den Wolken hervor und erhellte das Café. Und ich blickte meiner eigenen Spiegelung im Glas entgegen. Mein Mund war leicht geöffnet, die blauen Augen geweitet.
Nun gut. Dann musste ich mir wohl einen neuen Ort suchen, an dem ich schreiben konnte. Einen mit unverschämt gutem Schokoladenkuchen. Und Kaffee, der optimal in der Röstung ausbalanciert war. Und einer Atmosphäre und Gästen, die mich stets inspirierten. Ich stand vor einer unmöglichen Aufgabe.
Ehe ich mich umdrehen konnte, hörte ich Schritt auf der knarzenden Treppe, die zum Crema Club führte.
»Entschuldigung.« Eine tiefe Stimme erklang direkt hinter mir. »Dürfte ich vorbei?«
Ich räusperte mich, starrte nach wie vor auf die geschlossene Tür vor mir. »Zwecklos, ist geschlossen.«
»Ich weiß. Ich bin der neue Eigentümer.«
Seine Stimme klang warm. Viel zu warm für meinen Geschmack, trotzdem vertrieb sie nicht die Kälte im Inneren des Cafés. Ich konnte sogar ein Lächeln auf seinen Lippen hören. Als wäre das etwas Gutes – ein freudiger Tag.
Mit einem Ruck fuhr ich zu ihm herum. »Vielen Dank. Sie haben mir das letzte bisschen Freude an meinem Morgen genommen.«
Augenblicklich wünschte ich mir, die Worte zurücknehmen zu können. Ein junger Mann ein paar Stufen unter mir blickte mit zusammengezogenen Augenbrauen zu mir hinauf. Seine Augen sahen verletzt aus. Verdammt, wahrscheinlich hatte er sich mit dem Café einen Traum erfüllt. Wollte vielleicht ein Eigenes eröffnen. Vielleicht eine Buchhandlung. Wobei… in seinem Anzug und der eng gebundenen Krawatte sah er eher aus, als würde meine Oase einem Steuerbüro weichen. Nein, ich bereute die Worte auf keinen Fall. Wenn ich auf meinen Kaffee verzichten musste, weil hier Steueroptimierungen besprochen werden sollten, war das eine ganz deutliche Verschlechterung des Viertels.
Er fing sich schnell und räusperte sich. »Dann bitte ich diese Unannehmlichkeit zu entschuldigen, ich würde dennoch gerne die Räumlichkeiten betreten.«
Definitiv Steuerberater. Hundertprozentig. Niemand spricht freiwillig so steif.
Ich schnaubte und er zog die Brauen hoch. Hitze stieg mir sofort in die Wangen und ich drückte mich unbeholfen die Treppe hinab. Stieß dabei mit dem Ellenbogen hart gegen seine Schulter.»Viel Erfolg mit Ihrem…« – Steuerbüro – »was auch immer.«
Meine Tasche drohte mir von der Schulter zu rutschen, als ich eilig versuchte das Weite zu suchen. Gedanklich ging ich die Nebenstraßen auf und ab, auf der Suche nach einer Alternative für meinen Morgenkaffee.
»Café!«
Ich hielt inne. Und drehte mich auf dem Bürgersteig zu ihm herum. Der Mann stand nach wie vor auf der Treppe, den Schlüsselbund zum Laden in der Hand. Es hingen mindestens fünf Schlüssel daran, einige war leicht angelaufen. Kein Schlüsselanhänger. Ich riss den Blick von den Schlüsseln und musterte sein Gesicht. Es wirkte ernst, die grünen Augen blitzen mich herausfordernd an. Er war jung. Wahrscheinlich in meinem Alter, Ende zwanzig, vielleicht Anfang dreißig. Lachfalten zierten seine Augen und dunkles Haar hing ihm in die Stirn.
Er musterte mich und ich bekam den Drang etwas zu sagen, doch mein Hirn war leer. Was wollte er denn von mir hören? Ich sagte das Erste, das mir in den Sinn kam: »Freut mich, dass es nicht platt gemacht wird und ein Co-Working-Space wird.«
Jetzt war er es, der schnaubte. »Vielleicht überlege ich es mir nochmal. Vielleicht mache ich es ja zu einem McDonald’s Franchise.«
Es lief mir eiskalt den Rücken herunter.
Er grinste.
»Wie wäre es mit einer Starbucks-Filiale? Das wäre doch perfekt.«
Er nahm mich auf den Arm. »Alles nur kein Franchise. Der Laden hatte Charakter. Eine Seele. Und echt guten Kaffee.«
Er öffnete den Mund, aber seine Augen zucken zu etwas hinter mir, bevor er eine Antwort geben konnte. Eine Zornesfalte bildete sich zwischen seinen Brauen und er hob die Hand um diese zu massieren. Auch wenn es nicht mein Verdienst war, breitete sich ein kleines Lächeln auf meinen Lippen aus.
»Hey, Jamie!« Eine tiefe Stimme hinter mir riss mich ebenfalls aus dem Schlagabtausch. Sie war vom Dialekt der Stadt getränkt, beinahe konnte ich ihn auf den Asphalt tropfen hören.»Wo soll der Kram hin? Gibt’s irgendwo ’ne Ladefläche? ’Ne Hintertür?«
Jamies Augen wurden ernst und er schluckte. »Äh… ja. Danke, Mike. Da um die Ecke ist eine Hintertür und auch die kleine Ladefläche vom Gebäude. Du kannst schon mal rauffahren, ich komme gleich.«
»Wer is’ ’n das?«, fragte Mike und deutete auf mich.
Unverschämt, ich stand direkt vor ihm.
»Die erste unzufriedene Kundin«, murmelte ich und wandte mich zum Gehen.
»Wie unzufrieden? Du hast doch noch gar nicht aufgemacht, oder?« Mike klang irritiert und ich verdrehte die Augen hinter seinem Rücken.
»Sie macht Witze. Fahr bitte schon mal den Wagen vor.« Die Wärme in seiner Stimme war einem genervten Unterton gewichen.
Ich überließ sie sich selbst und setzte mich in Bewegung. Erinnerte mich an ein Café ein paar hundert Meter von hier. Es war zwar nicht ganz so gut, wie der Crema Club, aber in der Not…
»Warte!«
Stockend blieb ich stehen und blickte über die Schulter. Jamie joggte die paar Schritte mir herüber.
Fragend blickte ich ihm entgegen.
»Also… du warst Stammgast im Crema, oder?«
Ich nickte.
»Würdest du…« Er hielt inne und seufzte. »Ich weiß zwar, wie ein Business läuft, hab aber keine Ahnung, wie ich die Kundschaft halte. Könntest du mir vielleicht helfen? Ich hab nur ein paar Fragen. Ich möchte nur wissen, wieso du … keine Ahnung … dem Laden treu geblieben bist? Was hat ihn ausgemacht für dich?«
Ich wollte ablehnen. Sollte er mein Lieblingscafé doch ruinieren. Ich würde ihm dabei bestimmt nicht auch noch helfen. Doch mein Blick fiel auf den Schlüsselbund, den er verkrampft umklammerte. Seine Fingerknöchel traten weiß hervor.
Er bemerkte mein Zögern. »Ich habe bei der Übergabe noch ein, zwei Packungen des Kaffees gesehen, der verkauft wurde. Ich mache dir so viel zu willst.«
Beim Gedanke an den Kaffee lief mir bereits das Wasser im Mund zusammen. Meine Prinzipien hatten keine Chance gegen frischgemahlenen Arabica. Nur ein Tässchen. Ein paar Fragen. Was war schon dabei? »Jetzt sofort?« Ich hob die Brauen.
»Sorry, du hast es sicher eilig. Wie bescheuert von mir… vergiss, dass ich gefragt hab.« Jamie wandte sich bereits ab.
Ich musste lachen. »Claire«, stellte ich mich vor und lächelte ihn breit an.
Er erwiderte mein Lächeln und atmete auf. Seine Gesichtszüge entspannten sich und er streckte mir seine Hand entgegen. »Jamie.«

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Bild: Ben Wicks profwicks

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