
Bei meinen Morgenspaziergängen habe ich festgestellt, dass sich die Blätter bereits orange färbten. Morgen ist der erste September. Der Sommer neigt sich offiziell dem Ende zu. Und auch, wenn ich den Herbst herbeisehne, geht es nicht all meinen Figuren ebenso:
Es ist der letzte Tag des Sommers.
Herausforderung: Beginne mit einem Dialog.
🖋️ Szene: Der letzte Tag des Sommers
»Das machen wir auf gar keinen Fall.« Entrüstet sah ich auf Claire herab. Sie hatte den Kopf in den Nacken gelegt und lugte hinter ihrer Sonnenbrille zu mir auf. Die Lippen gestürzt und die Augenbrauen zusammengezogen.
Ich lehnte mich ein Stück weiter über den Ast, in dem ich hing und sagte noch einmal mit Nachdruck: »Nein!«
Claire stieß genervt die Luft aus und warf theatralisch die Arme in die Luft, ehe sie sich auf die Decke fallen ließ. »Dann schlag was Besseres vor. Ich werde für immer trauern! Nur, dass du es weißt. Nichts kann nur ansatzweise so legendär sein, wie den Hund der Alten Simmers lila zu färben.«
»Es ist der letzte Tag der Feiern, können wir es nicht einfach langsam angehen lassen? Einfach hier rumhängen. Lesen? Chillen?«
»Wir haben den ganzen Sommer gechillt, Jen. Mir ist langweilig. Ich hab alle Bücher gelesen, die ich habe.« Claire rollte sich auf den Bauch und betrachtete ihre Nägel.
»Ich könnte dir eins leihen«, schlug ich vor.
Claire blinzelte mich böse an.
»Okay, okay.« Ich seufzte, lehnte mich gegen den Ast, auf dem ich lag. »Wie wäre es, wenn…« Hitze klebte auf meiner Haut und ich konnte nicht nachdenken. Ich klappte das Buch zu, das in meinem Schoß lag. Das fühlte sich an, als hätte ich beim Kartenspielen verloren. »Lass uns zum Haus gehen.«
»Das ist dein grandioser Vorschlag?« Claire wich dem Buch aus, das ich auf die Decke neben ihr warf.
»Ja, lass uns schauen, was die Jungs machen. Vielleicht wollen sie mit uns an den See.« Ich kletterte vom Baum und landete auf der Decke neben ihr. Der Geruch nach frischem Gras mischte sich mit ihrem Duft nach Sonnencreme und Maiglöckchen. Ich kniff die Augen zusammen und blinzelte in die gleißende Sonne, während das Summen der Zikaden die Stille füllte.
Schnaubend richtete sich Claire auf. »Ja, klar. Du willst nur sehen, ob Matt noch da ist.«
Wie von selbst biss ich mir auf die Unterlippe und sah zu ihr. »Na und?«
»Das ist so eklig. Stell dir mal vor, du wärst in meinen Bruder verknallt. Ach ja, Moment…. «
Matt. Beim Gedanken an ihn flatterten Schmetterlinge in meinem Magen. Dieses Jahr würde ich endlich an die High School kommen. Dann würde ich ihn jeden Tag sehen können, ohne Claire besuchen zu müssen. Würde jedes seiner Footballspiele schauen. Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn wir uns auf dem Flur begegneten und ich ihm zu winkte. Er würde lächeln, dann die Hand heben und winken. Direkt auf mich zu kommen, bis wir…
Mein Buch landete hart an meinem Schädel. »Autsch!«
»Erde an Jen. Träumst du gerade von meinem Bruder?« Claire hatte angewidert ihren Mund verzogen.
»Nein«, murmelte ich und fuhr mir mit der Hand über den schweißnassen Nacken.
»Lügnerin.« Meine Freundin faltete die Decke, auf der sie gelegen hatte. »Na los, dann komm schon. See klingt gar nicht so schlecht.« Sie klemmte sich das Bündel unter den Arm und die Falte zwischen ihren Augenbrauen, die sie immer bekam, wenn sie etwas ausheckte erschien. »Wer zuerst da ist!«
Sie hatte den Satz noch nicht einmal beendet, da war sie schon los gerannt. Sie war viel schneller als ich. Klar, sie war im Track-and-Field-Team seit drei Jahren, während ich nur zwischen Genres hin- und hersprang. Das hohe Gras peitschte gegen meine Beine, als ich versuchte mit ihr Schritt zu halten. Sie erreichte das Gartentor ihres Hauses und ich ließ mich zurückfallen, saugte diesen letzten Sommertag in mich auf. Wie das Dach in der Sonne schimmerte. Wie sich die Büsche in der Brise wiegten. Und vor allem…
Wie Matt dort stand. Barfuß auf der Holzveranda. Die Haare zerzaust, ohne Shirt einen Football in der Hand. Er sah aus, als hätte er den ganzen Tag hier in der Sonne verbracht, seine Haut war gebräunt und das Haar von hellen Strähnen durchzogen.
Sein Kopf fuhr herum, als er Claires polternde Schritte hörte. Das Lächeln, das er uns schenkte, ließ mein Herz ins Stocken geraten, als hätte jemand auf Pause gedrückt. Er schenkte es nicht uns – er schenkte es mir! Sein Blick bohrte sich in meinen und ich erwiderte es strahlend.
Bis er seine Augen eine Sekunde später abwandte und ich meinen kleinen Bruder sah, der ihm gegenüber im Gras saß. »Wirf schon!«, nörgelte Simon.
Er war zwei Jahre jünger als ich und so eine Nervensäge. Ständig nahm er alle um sich herum in die Mangel, immer wollte er unterhalten werden. Dass er meine Eltern voll in Beschlag nahm, war okay. Aber Matt…
»Warte kurz, Simon. Ich will den Mädels Hallo sagen.« Matt lächelte Simon entschuldigend an und warf ihm lässig den Ball zu. Traf genau in seine Arme. Er war so gut!
Ich trat durch das Gartentor, das quietschend hinter mir ins Schloss fiel. Claire lief würgend direkt an ihm vorbei.
»Hi«, hauchte ich, als er vor mir stand. Ich musste zu ihm aufblicken. Seine Augen glitzerten in der Sonne, ich konnte kleine Schweißperlen auf seiner Stirn erkennen. Das blonde Haar klebte an seiner Stirn. Er stand nur einen Schritt von mir entfernt. Nicht mal eine Armlänge. Mein Herz hämmerte in der Brust, als wollte es entkommen.
»Hi«, erwiderte er. »Wie wars mit Claire?«
»Gut. Hattest du Spaß mit Simon?«
Für den Bruchteil einer Sekunde zog Matt die Mundwinkel nach unten. »Er ist ein anspruchsvoller Schüler.«
Meine Mundwinkel hingegen zuckten. »Nichts, was du nicht hinbekommst, oder?«
Matt nickte. »Stimmt. Das wird eine gute Übung für das kommende Jahr sein. Hat Claire dir erzählt, dass ich zum Captain gewählt werden soll, wenn alles gut läuft?«
»Nein! Das ist großartig, ich freu mich für dich!« Ich breitete die Arme aus und fiel ihm um den Hals. Sein Rücken war warm und klebrig von Sonnencreme, sein Haar roch nach warmem Sommerregen und Shampoo.
Gleich würde er die Arme um mich schlingen, gleich würde ich seinen Herzschlag spüren, gleich–
Doch er erwiderte sie nicht.
Er erstarrte unter mir. War hart und unbeweglich. Unsicher krallte ich mich einen Herzschlag länger an ihn. Warum? Was war los? Das war Matt. Claires großer Bruder. Wir kannten uns schon… immer. Dann räusperte er sich und trat einen Schritt zurück und riss sich aus meiner Umarmung.
»Ich sollte mit Simon… du weißt schon.« Ohne auf meine Antwort zu warten, wandte er sich ab und joggte auf meinen kleinen Bruder zu, der mit dem Football im Rasen saß und uns beobachtete.
Ich verstand die Welt nicht mehr. So hätte mein letzter Tag des Sommers nicht laufen sollen. Die Vorfreude, die ich auf das nächste Schuljahr hatte, verpuffte vor meinen Augen.
Und der Sommer schmeckte plötzlich bitter.
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Bild: Huijae Lee
