Wenn die Blätter sich orange färben und der Nebel auf den Feldern ruht, dann beginnt meine liebste Jahreszeit! Und zu diesem Anlass die erste Herbstprompt des Jahres:

Du siehst deinen Atem.

🖋️ Szene: Pumpkin Spice Latte

Kaum war ich aus der Tür getreten, biss mir die Kälte in die Wangen und ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Ich schloss meine Augen auf der Türschwelle und atmete tief ein, öffnete sie und beobachtete, wie sich kleine Nebelschwaden aus meiner Nase in den Himmel schlängelten. Ich kostete diesen kleinen Moment des Glücks ein wenig mehr aus.
Der Herbst war schon immer meine liebste Jahreszeit gewesen. Ich liebte es, mich in dicke Strumpfhosen und flauschige Pullover zu werfen. Genoss die eiskalte Morgenluft, die mich umhüllte, während Blätter unter meinen Sohlen knackten. Sehnte den ersten Pumpkin-Spice-Latte des Jahres wochenlang herbei und bestellte ihn immer mit extra Sahne. Und Kürbiskuchen. Nichts schrie so sehr Herbst wie Kürbiskuchen.
Vielleicht Noah Kahan in Stick Season. Oder Gilmore Girls. Und Taylor Swift auf Red. Aber das war nicht der Punkt.
Es war Herbst. Und nicht irgendein Herbst. Ich war nicht aus irgendeiner Tür gekommen – nein. Ich war aus meinem Wohnheim gekommen. An meinem ersten Tag der Orientierungswoche am College. Ich spürte, wie etwas seine Krallen in meinen Magen schlug und ich versuchte es herunterzuschlucken.
Ich nahm mir noch einen Moment, um mich umzusehen. Den Campus hatte ich mir im September anders vorgestellt. Herbstlicher. Mehr herabfallendes Laub. Vielleicht sogar Nebel. Aus irgendeinem Grund mit Kürbissen. Studenten, die auf Picknickdecken auf dem Rasen saßen und über längst vergangene Tage diskutierten, ihre Theorien austauschten. Jeder einen Coffee-To-Go-Becher in der Hand, während goldenes Laub auf sie herabregnete und Sonne orange-rot strahlte.
Doch vor mir lag giftgrüner Rasen. Perfekt gestutzt, wie ein ausgerollter Teppich. Nicht ein Blatt. Hier regnete gar nichts herab. Kein bisschen Herbst in Sicht.
Alles in allem: Es war noch Sommer und ich war viel zu früh wach. Der Campus war menschenleer. Kein Mensch saß auf dem Rasen. Nicht ein Ton – abgesehen von Vogelgezwitscher –war zu hören. Ich kam mir albern vor in meiner schwarzen Strumpfhose und den Stiefeln, als ich den ersten Schritt die Treppe hinab machte und zusammenzuckte. Die Absätze meiner Stiefel klackerten, und das Geräusch wurde von den roten Backsteingebäuden zurückgeworfen. Ich würde alle Studenten wecken. Naja gut, zumindest die Erstsemester. Auf Zehenspitzen beschleunigte ich meine Schritte. Ich hatte nicht nachgesehen, ob der Kaffeewagen auf dem Campus bereits geöffnet hatte. Oder die Dining Hall. Alles was ich wollte war mit einem heißen Kaffee den Campus zu erkunden.
Ich biss mir auf die Unterlippe und lief unter einem imposanten Torbogen hindurch. Nicht einmal meine rasenden Gedanken konnten mich davon abhalten, ihn zu bewundern. Wieder sah ich meinem aufsteigenden Atem hinterher, legte meinen Kopf in den Nacken und staunte über die hohen Decken, die darin gespannten Balken.
»Vorsicht, du stolperst sonst noch über deine eigenen Füße, wenn du weiter die Decke anstarrst!« Warme Hände legten sich auf meine Schultern und mein Blick zuckte zurück in die Realität. Direkt in ein warmes Lächeln und eisblaue Augen.
Ich fror ein. Starrte ihn an. Er musste auch ein Erstsemester sein, sonst war niemand auf dem Campus. Er trug ein weißes Hemd, darüber eine dunkelbraune offene Lederjacke, der Geruch von frisch poliertem Leder hüllte mich ein. Die Haare waren zerstrubbelt, als hätte er sich eben aus dem Bett gerollt.
Das warme Lächeln bekam Risse und er kniff die Augen zusammen. Dann legte er den Kopf schief und senkte die Hände, als hätte er sich an mir verbrannt. »Alles okay?«
Oh nein. »Entschuldige. Bin noch nicht richtig wach.« Ich senkte den Blick und Hitze stieg mir in die Wangen, als ich meine Stiefel musterte.
Sein Lachen hallte von den Backsteinen zurück. Der Torbogen ließ es anschwellen, als würde das Gebäude ebenfalls über mir lachen. Die Röte glühte noch stärker in meinem Gesicht und ich hätte wetten können, dass sich bereits rote Flecken im Dekolleté ausbreiteten.
Er schien meine wachsende Verlegenheit zu bemerken und erstickte das Lachen. »Tut mir leid, ich wollte nicht über dich lachen. Es ist nur…« Ich sah auf und er stockte einen Moment. »Du siehst einfach nicht so aus. Eher so, als wärst du perfekt vorbereitet.«
»Bin ich auch«, entgegnete ich und reckte das Kinn. »Und ich würde mir nun gerne einen Kaffee holen und weiter Decken anstarren.«
Eilig schob ich mich an ihm vorbei und lief unter dem Torbogen auf der anderen Seite hindurch.
»Der Wagen hat noch nicht auf. War eben dort.«
Mist. Ich hielt inne. Die weißen Wölkchen vor meinem Gesicht verrieten meinen schnellen Atem, als ich mich umdrehte. Er stand immer noch unter dem Torbogen, hatte eine Hand auf den Riemen seiner Tasche gelegt und wartete auf meine Reaktion.
»Dann werde ich wohl zurück ins Wohnheim gehen.« Ich machte einen ersten selbstbewussten Schritt, auf den ich verdammt stolz war, als sich auf seinem Gesicht ein Grinsen ausbreitete.
»Und dort? Gibt es dort Kaffee?«
Meine Augen zuckten an ihm vorbei auf den Teppich-Rasen. »Ich schätze schon.« Meine Stimme wackelte. Ich war gestern Abend erst angekommen. Ich hatte keine Ahnung, wo und ob es Kaffee gab. Meine Kisten waren noch nicht mal vollständig ausgepackt.
»Machst du mir dann auch einen?« Er legte den Kopf schief, als ich auf seiner Höhe war.
»Kannst du das nicht selbst?«, entgegnete ich.
Er schnaubte, ich öffnete verwundert die Lippen. »Ich weiß nicht wo. Oder wie. Die Cafeteria hat noch geschlossen. Der Dunkin’ an der Ecke auch. Für die hat das Semester noch nicht angefangen.«
»Gibt es keine Kaffeemaschine in den Wohnheimen?« Ich merkte, dass ich neben ihm zum Stehen gekommen war. Meine Füße gehorchten mir nicht mehr, wollten länger in dem Gespräch mit ihm bleiben.
Er schüttelte den Kopf. »Nur Automaten. Der schmeckt schrecklich. Hab leider nicht dran gedacht mir eine eigenen mitzubringen.«
Ich auch nicht. »Was machen wir denn jetzt?«
Er warf die Tasche auf seiner Schulter zurück und hob seinen rechten Arm. Löste für eine Sekunde seine Augen von mir. »Sechs dreißig. Wir könnten die halbe Stunde warten, bis die Dining Hall öffnet. Decken anstarren.«
Ein kleines Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Es war doch sicher nicht schlecht, jemanden vor der ersten Veranstaltung kennenzulernen. Moment! »Wie heißt du?«
»Logan. Und du?«
»Scarlett.«
»Nett dich kennenzulernen, Scarlett. Die Welt braucht mehr Frühaufsteher, findest du nicht?«
Er bot mir seinen Arm an und ich hakte mich ohne zu zögern ein. Sein Grinsen brach in ein Lachen aus, und ich konnte nicht anders, als einzustimmen. Zwischen uns stieg der Atem in kleinen weißen Wolken auf, während wir gemeinsam unter dem Torbogen hervor in die Sommersonne traten.

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Bild: Sangga Rima Roman Selia

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