
Wenn das Meer im Nebel versinkt, dann bleibt nur noch eins:
Das Meer rauscht.
🖋️ Szene: Die Heimkehr
Der Wind peitschte in meinen Haaren, als ich am Bug des Schiffes stand und beobachtete, wie es die Wellen brach und das Wasser teilte. Wassertropfen landeten in meinem Gesicht und das Salz brannte auf meinen Wangen, der harsche Wind der Nordsee ließ meine Augen brennen. Doch ich wandte sie nicht von dem kleinen Stückchen Land ab, das sich Stück für Stück im Nebel vor mir auftat. Ein Blick auf die Sonne verriet mir, dass es knapp nach Sonnenaufgang war, wir müssten in etwa einer Stunde ankommen. Meine Sachen standen gepackt und bereit in meiner Kabine. Ich hatte es nicht eilig, ich war vorbereitet.
»Dakota?« Mein Name wird leise vom Wind zu mir getragen, beinahe verschluckt vom Rauschen des Meeres. Ich wandte mich steif zum Deck um, die kühle Morgenluft war mir in alle Glieder gefahren. Anderson stand an der Tür zum Inneren der Fähre und legte die Stirn in Falten. Meine Mundwinkel zuckten, ich versuchte ihm ein Lächeln zu schenken, doch seine Augen blieben besorgt. Er schien mit sich zu hadern, entscheidet sich aber aus der Tür zu treten. Diese fiel knallend hinter ihm ins Schloss und er fuhr zwischen zwei Schritten zusammen. Meine Augen blieben an ihm haften, während er sich vorsichtig seinen Weg zu mir bahnt.
»Was machst du so früh hier? Ich hatte dich in deiner Kabine gesucht, doch keiner hat geantwortet.« Er stellte sich neben mich an die Reling und lehnte sich mit den Armen gegen diese. Seine Augen fanden die Insel, die vor uns aus dem Meer zu wachsen schien. »Ah, ich verstehe.«
Ich schwieg und nickte, die Augen auf Anderson gerichtet. Er war ein Mann mittleren Alters, tiefe Falten hatten sich bereits auf seiner Stirn gebildet, er versuchte sie schon lange nicht mehr unter seinen graumelierten Haaren zu verstecken. Er machte sich zu viele Sorgen, jeder wusste es.
»Dakota, du konntest nichts dafür. Ich hoffe, du weißt es.«
»Das weißt du nicht, Anderson. Niemand weiß es. Vielleicht hätte er es nicht getan wäre ich da gewesen. Vielleicht hätte ich es vorhersehen können, wäre ich öfter da gewesen. Und vielleicht hätte ich es ganz verhindern können, wäre ich nie fortgegangen.«
Meine harschen Worte brachten ihn zum Schweigen. Er senkte den Kopf ein Stück und rieb nachdenklich an seinem Kinn. »Kind, ich denke nicht, dass irgendjemand Josh davon hätte abhalten können, wenn er sich dies in den Kopf gesetzt hat.«
Ich riss den Blick von der Insel los und funkelte Anderson an. »Es ist zu früh für der Art Spekulation. Ich bin hier herausgekommen um in Ruhe nachzudenken und nicht um mir derartige Kalendersprüche anzuhören.«
Abwehrend hob Anderson die Hände. »Schon gut, schon gut. Ich will nur verhindern, dass das schlechte Gewissen dich auffrisst. Meiner bescheidenen Meinung nach hätte Josh die Destille in jedem Fall verkauft. Ob du auf der Insel geblieben wärst oder nicht.«
Abfällig schnaubte ich und stieß mich von der Reling ab. Mit einem letzten abschätzigen Blick verschwand ich ins Innere der Fähre. Kaum fiel die Tür hinter mir ins Schloss legte sich abgestandene Luft um mich. Der Geruch nach altem Teppichboden, chemischem Reiniger und Rost biss ich in die Nase, als ich wütend durch die Flure zur Kantine schritt. Eine Fähre war wie ein Flughafen: Die sozialen Normen wurden im internationalen Raum irgendwie auf magische Weise ausgehebelt. So zuckte die Bedienung an dem kleinen Bartresen nicht einmal, als ich um sieben Uhr morgens einen doppelten Whisky auf Eis bestellte. Die Tische um mich herum waren besetzt mit Familien und kleinen Kindern, merklich aufgeregt vor ihrem großen Urlaub. Ältere Ehepaare tranken schweigend ihren Kaffee und lasen Zeitung, während ihre Augen hin und wieder in den Raum zuckten. Ich versuchte meinen Ding möglichst selbstbewusst zu einem abgelegenen Tisch zu tragen. Mit dem Rücken in den Raum ließ ich mich auf einen Stuhl gleiten und nahm einen ersten Schluck.
Anderson hatte Recht. Natürlich hatte er Recht. Das schlechte Gewissen saß mir bereits seit Jahren im Nacken. Ich hatte nur gelernt damit zu leben. Als ich die Insel verlassen hatte war ich jung. Ich wollte studieren, ich wollte die Welt entdecken und mich selbst finden in unbekannten Kulturen, unbekannten Städten. Nach meinem Abschluss wollte ich zurück, ich wollte ihm bei dem Unternehmen unserer Eltern helfen, endlich auch anpacken.
Doch dann waren sie in meinem letzten Semester gestorben. Und ich konnte nicht mehr zurück. Hatte bei der Beerdigung kaum Joshs Anblick und den Grabstein ertragen können. Mit jedem Versprechen, ich würde bald kommen, würde bald helfen – nur noch eine Woche, ein Monat, ein Semester –glaubte Josh mir weniger. Bis ich gar nichts mehr versprach. Bis wir gar nicht mehr sprachen. Bis der Brief kam.
Ich leerte meinen Drink mit einem Zug. Meine Hand zitterte. Kramte dann nach meinem Portemonnaie in der Jackentasche. Fischte mit den Fingern nach dem gefalteten Stück Papier darin. Unzählige Male hatte ich den Brief bereits gelesen, jedesmal in der Hoffnung einen versteckte Nachricht zu entdecken. Irgendetwas, das für mich bestimmt war. Die Kanten waren inzwischen beinahe durchsichtig und ich wusste nicht, wie oft ich es noch lesen konnte, ehe es vollends auseinanderriss. Doch ungeachtet dessen legte ich es auf den metallenen Tisch und strich die Seite vor mir glatt.
Es als Brief zu bezeichnen war beinahe zu viel. Viel mehr war es eine Notiz in einem Briefumschlag gewesen. Der gesamte Inhalt hätte auf ein Post-it gepasst. So war Josh immer gewesen. Kein Mann großer Worte, er kam gerne auf den Punkt. Doch diesmal… da hätte ich mir doch ein kleines bisschen mehr gewünscht.
Koty,
Ich hab die Destillerie verkauft. Brauche Zeit für mich. Ich melde mich.
Josh
Im Umschlag befand sich außerdem der Scheck für meinen Anteil. Und mehr nicht. Nicht einmal ein Schreiben des Notars, eine Urkunde, irgendwas. Nichts. Sofort hatte ich ihn angerufen. Doch seine Nummer war nicht mehr vergeben. Keiner unserer alten Schulfreunde hatte ihn gesehen. Es war, als wäre er vom Erdboden verschluckt. Und dann hatte sich Anderson bei mir gemeldet. Er hatte aus der Presse vom Verkauf erfahren und wollte nach dem Rechten sehen.
Hier waren wir nun…
Ein lautes Horn rief mich aus meine Gedanken. Ich blickte von dem Stück Papier auf und sah, dass die Insel bereits in ihren Details erkennbar war. Das kleine grün gestrichene Hafengebäude, das ich aus meiner Kindheit kannte, kam immer näher. Die Fischauktionshalle, die ich fast schon riechen konnte, wirkte geschäftig, Menschen strömten hinein, Möwen kreisten über ihr. Und auf dem Hügel über dem kleinen Fischereidorf stieg Rauch empor.
Die Destillerie.
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