
Als mein Nachbar in der letzten Woche an meiner Tür klopfte, während ich an meiner Geschichte arbeitete, kam mir folgender Prompt in den Sinn:
Jemand klopft an deine Tür.
🖋️ Szene: Das Klopfen
Regen prasselte gegen meine Fensterscheiben, als ich den Blick von meinen Notizen hob. Kleine Wassertropfen boten sich ein Wettrennen auf der Scheibe und fesselten meine Aufmerksamkeit für mehrere Sekunden. Kein Wunder, alles war spannender als Statistik II. Sehnsüchtig blickte ich zu meinen Büchern über Molekularbiologie und Bioinformatik.
Geschlagen drückte ich mich ruckartig vom Schreibtisch ab und rollte mit meinem Stuhl einige Meter zurück. Mit einem Seufzen stand ich auf und trat ans Fenster, lehnte mich mit meiner Schulter an die Wand neben dem Fensterrahmen. Das warme Licht der Straßenlaternen ließ das nasse Kopfsteinpflaster glänzen, als wäre es frisch poliert worden. Ein junges Pärchen hatte die Jacken über ihre Köpfe gespannt und lief gehetzt durch die Straße, lachend in dem Versuch dem Regen zu entkommen. Meine Mundwinkel zogen sich bei ihrem Anblick nach unten und ich wandte mich ab, lugte mit zusammengezogenen Brauen auf meine Lernunterlagen und auf meine Uhr über dem Tisch.
19:36. Es war bereits dunkel geworden, ich hatte nicht gemerkt, wie schnell der Herbst den Sommer tatsächlich abgelöst hatte. Was ich aber wusste war, dass ich seit beinahe acht Stunden am Schreibtisch saß. Ich hatte genug für heute.
Ich kramte mein Handy aus meiner Tasche und checkte, was ich verpasst hatte. Instagram. Ein paar Memes. Amazon Empfehlungen. Sportergebnisse. Vorberichtserstattungen. Nichts verpasst. Niemand hatte mir geschrieben.
Wieder suchte mein Blick die Straße unter meinem Hauseingang. Nun war sie menschenleer und ein Gefühl der Schwere dehnte sich in meiner Magengegend aus. Es lag sicherlich an den Semesterferien. Abgesehen von mir war kaum jemand da. Ich nahm mir fest vor Morgen in der Bibliothek zu lernen. Um wenigstens ein paar Menschen um mich herum zu haben und ein kleines Gefühl der Solidarität im stillen Leiden zu haben.
Ein Klopfen an der Tür.
Ich zuckte erschrocken zusammen und starrte durch mein Einzimmerappartement auf die Eingangstüre. So früh wollte ich eigentlich nicht unter Leute. Wer konnte das sein? Ich erwartete kein Paket. Niemand meiner Bekannten würde unangekündigt klopfen. Ich fror an Ort und Stelle fest und stellte mich tot.
Von der Tür aus konnte ich ein nervöses Scharren hören. Wer auch immer dort war, ging nicht weg.
Ein weiteres Klopfen.
Die Gedanken in meinem Kopf begannen zu rasen. Ich könnte so tun, als hätte ich das erste Klopfen nicht gehört. Als hätte ich Noise-Cancelling-Kopfhörer getragen. Oder ich konnte mich weiterhin tot stellen.
Ehe ich eine Entscheidung treffen konnte schallte ein Klingeln durch die Wohnung. Scheiße, sogar durch Kopfhörer, war das schwer zu ignorieren. Hektisch schnappte ich mir meine Overear-Kopfhörer, legte sie mir um den Hals und ging zur Tür. Diese war mit kaum drei Schritten bereits erreicht.
Vor der Tür blieb ich stehen. Sah meine dicken Mäntel an der Tür hängen und bildete mir ein mein Herz würde schneller schlagen. Ich räusperte mich leise. »Ja?« Meine Stimme war ein Krächzen und ich lief rot an.
»Äh, hi. Ich wohne nebenan. Kannst du die Tür aufmachen?« Eine weibliche Stimme drang durch das Holz zu mir hindurch. Weiblich, das war gut.
Ich entriegelte die Tür und öffnete sie einen Spalt weit. Eine junge Frau stand auf der andern Seite im schwach beleuchteten Flur. Sie hatte schulterlange, dunkle Haare und strahlende Augen, die mich verlegen musterten.
»Wie kann ich helfen?« Ich zwang mich zu einem kleinen Lächeln.
Mein Gegenüber sah kurz zu Boden. »Ich bin letzte Woche nebenan eingezogen und ich hab noch nicht alles besorgt. Vor allem keine Glühbirne, die die drin war ist durchgebrannt. Hättest du eine? Das wäre super lieb. In meinem Zimmer ist es gerade wie in einem Gruselkabinett mit flackernder Taschenlampe.«
»Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich kann nachschauen. Komm gerne rein.« Kaum hatte ich es ausgesprochen, bereute ich meine Worte. Ich drehte mich von der Tür weg und ging an meine Krems-Krams-Schublade. Ich ignorierte dabei die offene Badtür und die sich türmende Wäsche auf dem Wäschekorb, der ebenfalls überquoll. Auch das Chaos auf meinem Schreibtisch, blendete ich aus, sowie die zusammengeknüllten Schmierzettel auf dem Boden. Scheiße, warum genau hatte ich sie überhaupt reingebeten?
Hinter mir hörte ich wie sie ihre Schuhe vor der Tür abstreifte und diese hinter sich Schloss. Vorsichtig und beinahe lautlos tappst sie in mein Wohnzimmer. Ich warf ihr einen Seitenblick zu und lächelte sie ermutigend an, während ich mich durch die zweite Schublade wühlte.
»Ich heiße übrigens Emma.« Emma schritt auf meinen Schreibtisch zu. »Studierst du?«
»Hi, ja, Biologie. Drittes Semester im Oktober. Studierst du auch hi- Ha!«, rief ich aus. Triumphierend reckte ich eine Glühbirne in die Höhe und drehte mich grinsend zu Emma um. »Ich bin übrigens Jamie.«
Strahlend nahm Emma mir die Glühbirne aus der Hand. »Oh mein Gott. Danke, du rettest mich! In diesem Schuhkarton nur mit einer Taschenlampe, hätte ich das Wochenende nicht überlebt. Ich bringe dir am Montag eine Neue!«
Lächelnd winkte ich ab und deutete auf die Schublade. »Ich hab noch eine. Ist schon gut.«
»Du bist ein Schatz. Ich studiere übrigens ab nächstem Semester Jura.« Emma biss sich von innen in ihre Wange und sah weg.
»Und du bist in den Semesterferien schon hergezogen?«
»Ja … Ich hab eine Wohnung gesehen, die mir gefällt und sofort zugeschlagen. Der Wohnungsmarkt im Herbst ist echt hart.«
Ich nickte müde. Ich hatte letztes Jahr wochenlang nach einer Wohnung gesucht. »Warst du schon an der Uni?«
Emma schüttelte den Kopf. »Ne, hab mich bisher nur einmal in der Verwaltung eingeschrieben und das wars.«
»Ich würde morgen in der Bibliothek lernen. Ich könnte dir die wichtigsten Gebäude zeigen. Kantine, Mensa, Café, sowas. Kenne zwar die juristischen Gebäude, aber wo eure Bibliothek ist weiß ich. Ich könnte dich rumführen, wenn du… also wenn du magst.« Ich musste den Blick abwenden, als meine Wangen begannen zu glühen.
»Ja? Das wäre so so lieb! Ich hab schon eine Liste an Lektüre bekommen, vielleicht könnte ich ein, zwei Bücher schon kaufen. Das wäre echt toll, Jamie, danke!«
»Klar gerne. Zehn Uhr?« Ich sah wieder zu ihr auf und sie nickte enthusiastisch.
»Das ist super. Danke!« Sie hob die Glühbirne hoch. »Ich geh die mal eindrehen. Bis morgen, ich freue mich total!«
Mit den Worten ließ sie mich stehen, zog die Tür hinter sich zu und ich war allein. Doch diesmal war ein warmes Gefühl in meinem Bauch. Ich schritt mit einem Grinsen im Gesicht zu meinem Bett, ließ mich darauf fallen und zog mein Handy hervor. Öffnete die Memes, die ich erhalten hatte. Der Regen war nur noch ein Hintergrundgeräusch, doch statt Dröhnen, wurde er zur Melodie.
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Bild: Martin May
