Anlässlich zum Release von Taylor Swifts ›The life of a showgirl‹, startet der Prompt der Woche mit einer wahren Begebenheit aus meinem Leben:

Dein Kaffee ist kalt. Warum?

🖋️ Szene: Der Kaffee

Den Freitag, an dem ich beschlossen hatte, das neue Album von Taylor im Café zu hören, werde ich nie vergessen. Meine ganze Woche hatte ich um diesen Tag herumgeplant. Ich hatte Urlaub eingereicht, ich hab mir ein bequemes Outfit herausgesucht und ich hatte mein Handy noch nicht gecheckt, um einen perfekten ersten Eindruck zu haben. Und dann saß ich da: Meine Kopfhörer über den Ohren und lauschte der Musik. Unterbrach die Tracks, um die Lyrics erneut zu lesen und saugte jedes Wort, jedes Gefühl und jeden Eindruck in mich auf.
Der Kaffee vor mir war mehr Dekoration und den Kuchen hatte ich bisher nicht angetastet, die anderen Besucher nahm ich kaum wahr, es war als wäre nur ich im Café. Allein und versunken in den Noten. Die Augen fest geschlossen und fest entschlossen in meiner Blase zu bleiben bis zum allerletzten Track.
Und dann riss meine Blase. Eine Hand legte sich auf meinen Arm und ich zuckte erschrocken zusammen. »Ist hier frei?«
Nein‹, wollte ich schreien. Doch er gab mir gar keine Gelegenheit überhaupt etwas zu antworten, er ließ sich einfach auf den Platz mir gegenüber sinken und stellte seine Tasse vor mir ab.
»Danke«, las ich von seinen Lippen. Er sah mich nicht an und setzte seine Tasse an seine Lippen.
Ich kniff die Augen zusammen und musterte ihn. Ich erkannte ihn nicht. Und ich kam jeden Freitag und Montag in dieses Café, da es nur zwei Minuten von meinem Job entfernt lag, und ich nutzte gerne die Ruhe am Morgen um hier bei einem Kaffee zu journalen. Oder wie heute, Musik zu hören.
Von meiner morgendlichen Ruhe hatte er leider überhaupt nichts. Er wirkte gehetzt, seine Augen zuckten nervös von seiner Tasse in den Innenraum des Cafés. Dunkle Haare hingen ihm in die Stirn, er schien es länger nicht geschnitten zu haben, denn er strich es sich ständig gereizt aus den Augen. Ich starrte ihn offen an, bis sein Blick einen Mann fand, der täglich hier war.
Er saß immer am selben Tisch und zur selben Uhrzeit. Seine Bestellung war immer gleich: Ein Schinken-Bagel und ein großer Kaffee. Den Bagel teilte er mit seinem Boxer, der ruhig zu seinen Füßen schlief und wartete, bis er seinen Teil abbekam. Ich beobachtete ihn auch oft, war fasziniert davon, wie gut der Hund hörte, er trug nicht einmal ein Halsband. Niemals. Doch heute lag mein Interesse woanders.
Ich drückte auf Pause, um keinen kostbaren Song-Augenblick zu verpassen. »Alles in Ordnung?«, fragte ich ihn und nahm die Kopfhörer ab.
»Wie bitte?« Er blickte sich nicht zu mir um. Offensichtlich war er völlig in Gedanken.
»Ich fragte, ob alles in Ordnung ist. Sie wirken …« Ich hielt inne und suchte nach einem möglichst höflichen Wort für seinen Zustand. »Nervös.«
Seine Augen zuckten hart zu mir. Eine Gänsehaut breitete sich auf meinen Armen unter seinem kühlen Blick aus. Er stellte den Kaffee auf dem Tisch zwischen uns ab. »Nervös? Ich bin nicht nervös. Ich warte.«
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen sah er wieder in den Innenraum des Cafés. Er rümpfte die Nase beim Anblick der Kunstblumen auf den kleinen Tischen und den bunten Kissen auf den Sofas, die wertvolle Sitzplätze wegnahmen. Ausnahmslos jeder Tisch war besetzt, was für einen Freitagmorgen vor neun Uhr wirklich gut war. Überrascht war ich jedoch nicht. Ich kam immer vor acht, um einen Sitzplatz zu ergattern. Noch bevor das warme Gebäck in die Theke gestellt wurde. Danach war immer die Hölle los.
»Alles klar.« Ich unterdrückte ein Schnauben beim Anblick seiner gerümpften Nase.
Ich war im Begriff meine Kopfhörer wieder aufzusetzen, als mein Gegenüber genervt ausatmete. Neugierig sah ich ihn an und meine Arme schwebten auf halbem Weg zu meinem Kopf.
»Ich…«, setzte er an. »Ich warte auf etwas Bestimmtes.«
Meine Arme senkten sich wie von selbst und ich lehnte mich leicht über den Tisch zu ihm. »Ja?«
Der junge Mann räusperte sich. »Sind Sie öfter hier?«
Ich nickte. »Ja, jeden Freitag.«
Der Ausdruck in seinem Gesicht veränderte sich. Die Augen wurden ein Stück weicher, die Spannung um seine Lippen löste sich auf, sogar die zusammengezogenen Augenbrauen entspannten sich. »Sehr gut, dann wissen Sie, dass die meisten hier Stammkunden sind, oder?«
Wieder nickte ich. »Ja, das weiß ich, der Kellner kennt unsere Bestellungen, ehe wir sie aufgeben, das hat schon was. Das Wissen sicherlich viele zu schätzen.«
Er nickte bedächtig. »Ja, da kann was dran sein, darauf wollte ich aber nicht hinaus.«
»Okay. Sondern?«
»Nun, ich warte auf jemanden.« Seine Stimme war leise, fast verschwörerisch, als hätte er Angst, die Worte zwischen uns würden etwas verraten. Dann beugte er sich vor. Ich hatte das Gefühl er würde mich prüfen wollen. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und ich biss mir auf die Lippe.
»Und auf wen?«, hauchte ich vorsichtig.
Er blickte erneut zum Eingang. Dann zurück zu mir. »Jemanden, den man hier nicht erwartet. Und ich möchte ihn unbedingt erkennen, bevor er mich erkennt. Um mich zu wappnen.« Seine Stimme war rau, voller Anspannung, als hätte er Panik vor dem Treffen.
Mir entwich ein belustigtes Schnauben. »Das klingt ziemlich dramatisch. Ist es eine Verabredung?«
Sein scharfer Blick traf mich verurteilend. »Sowas ähnliches.«
»Und ich soll jetzt helfen Ihnen zu sagen, wer hier nicht jeden Morgen reinspaziert?«
Er schüttelte den Kopf und trommelte nervös mit den Fingern auf den Tisch neben seiner Tasse. Ich musterte ihn. Die dunklen Schatten unter seinen Augen, die unruhigen Hände und die Wachsamkeit, die er nicht abzulegen schien. Kein Mann, der auf ein romantisches Treffen zum gemeinsamen Frühstück wartete. Eher jemand der fliehen wollte, aber nicht konnte.
Irritiert legte ich den Kopf schief. »Sondern?«
Ohne mich anzusehen, antwortete er: »Sie müssen gar nichts tun.«
»Sie warten auf jemanden, weihen mich dann verschwörerisch ein und erwarten, dann dass ich absolut gar nichts tue?«
Er nickte kaum merklich.
Ich öffnete den Mund, um etwas zu erwidern. »Pscht!«, brachte er mich sofort zum Schweigen. Seine Hand fuhr hoch, und er erstarrte für einen Herzschlag. Dann schien er auf seinem Stuhl zusammenzusacken. Ich folgte seinem Blick zur Tür.
Jemand hatte das Café betreten. Ein Mann. Groß mit breiten Schultern, über denen sich ein enger, grauer Anzug spannte. Sein Blick schweifte prüfend durch den Raum, bevor er auf unserem Tisch landete.
Ein breites Lächeln verzerrte das Gesicht des Anzugträgers, als er den ersten Schritt auf uns zu machte.
Und mein Herz setzte einen Schlag aus, als sich mein Gegenüber aufrichtete. Ein Schatten von Erleichterung huschte über sein Gesicht und zum ersten Mal lächelte er. Ein warmes, fast schüchternes Lächeln, das mich völlig unvorbereitet traf. Mit dieser Stimmungsschwankung hatte ich nicht gerechnet.
»Da ist er«, murmelte er mir durch das Lächeln zu.
»Ihr Erzfeind?«, versuchte ich zu scherzen.
Er lachte kurz auf, so erleichtert, dass die Anspannung für einen Moment von ihm abfiel. »Wahrscheinlich schlimmer. Mein Bruder.«
Bevor ich reagieren konnte, griff er in Richtung meiner Hand über den Tisch hinweg. Ich hatte nicht einmal die Gelegenheit wegzuzucken. »Bitte, tun Sie mir den Gefallen. Tun Sie so, als wären wir … beschäftigt.«
Ich sollte seine Hand wegstoßen, als seine Finger meine berührten. Doch ich tat es nicht. Stattdessen wurde mir heiß, und völlig egal, dass mein Kuchen unberührt war und der letzte Song auf Pause stand.

Bild: Feliphe Schiarolli

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