
Beschreibe deine Figuren aus der Sicht eines Außenstehenden.
Diese Woche gibt es keinen richtigen Prompt, sondern eine echte Schreibübung. Statt meine beiden Figuren in den Vordergrund rücken zu lassen, zeigt der Text, wie sie von anderen wahrgenommen werden, die ihnen nur flüchtig begegnen. Ein Blick von außen, der mehr über Beobachterin und Atmosphäre verrät, als über die Figuren selbst.
Diese Kurzgeschichte zieht Figuren aus meinem Roman – Splitterlicht. Ein flüchtiger Moment, eingefangen zwischen Alltag und Finsternis.
🖋️ Szene: Der Markt
Ich hörte sie, ehe ich sie sehen konnte. Mit dem Geräusch eines klaren Glockenspiels, fegte sie durch die Straße. Mein Kopf drehte sich wie automatisch zu dem ungewöhnlichen Geräusch, aber ich konnte die Person, die es verursachte nicht ausmachen. Der Marktplatz war gut gefüllt, die Stände gut besucht, als sich die Sonnen durch die Wolken brachen und den Platz mit Licht flutete. Die goldenen Strahlen brachen sich an ihren Haaren und zwang mich die Augen zusammen zu kneifen. Nein. Nicht an ihren Haaren. Sie trug einen goldenen Helm.
War sie in der Stadtwache?
Bedächtig bewegte sich die Frau durch die Massen, kam meinem Stand immer näher. Rasch blickte ich auf meine Ware, hantierte an einigen Ketten und Armreifen herum, legte Ringe symmetrisch auf die Samtkissen. Ich hatte sie schon einmal gesehen. Dieser Helm… Doch ich konnte mich nicht daran erinnern wo.
Als ich wieder aufsah, lachte sie und warf den Kopf in den Nacken. Ihre Stimme war hell und warm, wie die Sonne, ich lehnte mich über meine Auslage, um zu lauschen, sehnte mich nach ihren Worten. Ich hatte beinahe das Gefühl, sie könnten mich retten. Mir helfen. Doch ich verstand nichts. Konnte nur darauf warten, dass sie zu mir kam. Vielleicht etwas kaufte.
»Was kostet der?« Ein Kunde war an meinen Stand getreten und deutete auf einen schmalen Goldring. Er war schlicht. Handwerklich nichts besonders.
Ich fixierte für einen Herzschlag den Ring, erinnerte mich an den Preis, dann sah ich in das Gesicht des Kunden. »Zehn Goldstücke.« Dann suchte ich rasch die Frau in der Menge.
Mein Kunde brummte und trat von meinem Stand. Doch die Frau kam näher. Ich erkannte die goldene Stickerei auf ihrer Brust über die sich ihr blondes Haar ergoss. Es war ein Splitter. Stadtwache. Ich hatte recht gehabt.
Und nicht irgendein Mitglied.
Sie war eine Teilnehmerin.
Sofort schossen mir die Bilder der gestrigen Auslosung durch den Kopf. Dort hatte ich sie gesehen. Den Namen hatte ich bereits vergessen. Oder mir nie gemerkt.
Sie starben ohnehin alle.
Ihr letzter Tag an der Oberfläche, schoss es mir durch den Kopf.
Die Teilnehmerin nahm den Helm ab und blickte zu ihrer Begleitung. Ich hatte sie gar nicht bemerkt. Auch sie kannte ich, auch sie trug die Uniform der Stadtwache und auch sie würde hinabsteigen. An ihren Namen erinnerte ich mich. Mirea. Sie war das Mädchen, das am Hafen aufgewachsen war, ihre Eltern verkauften ihre Waren auch auf dem Markt.
Sie wirkten jung. Jünger noch als meine kleine Schwester, die Hände zu klein, zu zierlich, zu schwach für Schwerter. Hätten ihr ganzes Leben vor sich gehabt und doch hatten sie sich für die Mine gemeldet. Wie leichtfertig. Ich konnte mir nicht erklären warum man es tat. Hatten sie einen Wunsch nach Ehre? Oder dem Tod? Für mich war es ein und dasselbe.
Ein älterer Herr drängte sich in mein Sichtfeld. Er warf mir ein freundliches Lächeln zu und sah sogleich auf meine Auslage. »Miss, der Armreif hier. Handelt es sich dabei um einen Saphir? Ich suche ein Geschenk für meine Frau.«
Der Mann war gut gekleidet, trug ein Hemd aus gemusterter Seide, seine Haut jedoch war zu blass für die Stadt. Er schien aus dem Norden zu stammen. An seinen Fingern prangten goldene Ringe, die im Schein der Sonnen glitzerte.
»Sie haben ein gutes Auge, mein Herr. In der Tat, es handelt sich um einen Saphir aus dem Mienen im Osten des Landes.« Ich griff in meine Auslage und reichte ihm den Armreif. »Sind Sie auf dem Weg in die Handelskammer?«
Die Augen des Mannes zuckten zum großen Gebäude an der Stirnseite des Marktplatzes. »Nein, dort hätte ich heute Vormittag eine Audienz, doch sie wurde aufgrund der Ereignisse verlegt auf die Zeit nach der Finsternis. Somit habe ich ein wenig Zeit, um…« Er machte mit seiner freien Hand eine vage Bewegung auf meine Ware.
»Ja, die Finsternis hat uns alle überrascht. Keiner von uns dachte, dass sie dieses Jahr bereits kommen würde.« Ich nickte ihm eifrig zu. »Gefällt Ihnen der Armreif?« Doch statt meinen Kunden anzusehen, suchte mein Blick die jungen Frauen in der Menge. Sie waren nur noch ein paar Stände von meinem entfernt. Das Glockenspiel kam näher, ich konnte nun auch seinen Ursprung erkennen: Die beiden Frauen trugen Schwerter an ihren Gürteln über die ein Gurt aus goldenen Ketten gespannt war. Bei jedem Schritt und jeder Bewegung schlugen diese aufeinander.
Der Händler hatte meinen Blick bemerkt und folgte ihm. »Sind das Grealin und Ashrin? Die Teilnehmerinnen?« Neugierig legte er den Armreif nieder. Sonnenverflucht.
»Ja, es scheint so. Er kostet fünfzehn Goldstücke.«
Er nickte und kramte nach seinem Gold, hielt den Armreif fest in seiner Hand. Mit einem Nicken nahm ich das Gold entgegen und der Händler blieb dennoch stehen, sah den beiden Frauen zu, die gerade Umhänge aus Leder begutachteten. Wobei, nein, nur Grealin – die Blondine – betrachtete die Umhänge. Ihre Begleitung verzog ungehalten den Mund und verdrehte die Augen.
»Vielen Dank.« Ich verstaute das Geld hinter meiner Auslage in meinem Beutel.
Der Händler blieb noch vor meine Stand, sein Hemd flatterte im Wind und er runzelte die Stirn. »Denken Sie, die beiden werden den Abbau überleben?« Der Händler löste seinen Blick nicht aus der Menge.
»Ich habe nur den letzten Abstieg miterlebt und…« Ein Kloß setzte sich in meiner Kehle fest, die Erinnerung an die Finsternis schäumte Panik in mir auf. »Nein. Ich glaube nicht. Sie sind jung, unerfahren. Es hat beim letzten Mal viele getroffen. Viele Krieger und Soldaten.«
Mein Gegenüber nickte traurig, dann schien er zu merken, mit wem er sich unterhielt. »Vielen Dank. Eine sichere Finsternis.« Rasch entfernte er sich von meinem Stand und ließ mich zurück.
Die beiden Frauen waren nun kaum mehr als ein paar Schritte von mir entfernt. Der Wind trug ihre Worte zu mir hinüber. »… würde gern die mir verbleibende Zeit genießen, wenn du nichts dagegen hast.« Die Blondine hob ihre Stimme zu einem fröhlichen Singsang und tänzelte zu meinem Stand hinüber. Mit glitzernden Augen betrachtete sie meine Ware, mein Mund blieb verschlossen. Ein Armreif mit eingelassenem Smaragd erregte ihre Aufmerksamkeit und sie griff danach, ließ ihn durch ihre Finger gleiten und in der Sonne schimmern.
»Den kannst du dir sowieso nicht leisten, lass uns weitergehen.« Die Stimme der andren Frau war ungeduldig.
Mit einem Stöhnen legte die Blondine den Armreif weiter und sie entfernten sich. Und mit ihnen das helle Glockenspiel. Ich wollte ihnen raten auf sich aufzupassen, aber die Worte blieben in meiner Kehle stecken. Hatte ihnen weder Glück gewünscht, noch für ihre Überleben gebetet. Und die Gelegenheit dazu würde es wohl nicht mehr geben. Ein Schauer jagte mir den Rücken hinunter.
Die Dunkelheit frass die hellsten Seelen als erstes.
Bild: Robert-Razvan B
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