Du kehrst an einen Ort zurück, den du hinter dir lassen wolltest.

🖋️ Szene: Der Ozean

Das Portal spie mich aus, meine Zähne knallten aufeinander, mein Gesicht traf nassen Asphalt. Kälte hing in meinen Gliedern und meine Wange glühte vor Schmerz.
»Verschwinde, und komm nie wieder zurück.« Das Surren des sich schließenden Portals schluckte seine nächsten Worte.
Tränen brannten in meinen Augen, während ich mich aufrappelte. Wieder Hände, die mich grob wegstießen und Stimmen, die wie Hiebe auf mich niederfielen. Zum dritten Mal diese Woche, verlor ich meinen Schlafplatz. Schwer schluckend stand ich auf und unterdrückte den Drang, den Dreck von meiner Kleidung zu klopfen. Verlorene Zeit. Alles roch nach faulen Netzen und salzverkrusteten Abfällen – genau wie dieser götterverlassene Hafen.
Ich suchte Schutz. Etwas, das nicht nach Rückenschmerzen schrie. Als meine Augen an einem Haufen alter Taue hängenblieben, klebrig von Fischinnereien, wusste ich: Ich konnte das nicht mehr. Ich wollte einfach nur nach Hause.
Humpelnd bahnte ich mir meinen Weg über die Docks, direkt auf die Seebrücke zu. Vorbei an kleinen Ruderbooten, die in den Wellen der Schwarzen See wippten, und gegen die Pfeiler im Wasser prallten. Dunkle Wellen brachen sich vor Wut schäumend unter den Brettern. Ich kannte die Klänge des Meeres. Denn obwohl die Welt um mich sich stetig zu verändern schien – das Meer blieb beständig.
Als ich am Ende des Piers ankam, blickte ich mich um. Keine Menschenseele tummelte sich zu dieser Stunde noch auf den Brettern. Vielleicht der ein oder andere betrunkene Matrose, der in den Seilen hing oder im Krähennest hockte und nach Unwettern Ausschau hielt. Das wahre Unwetter jedoch konnte sie ohnehin nicht erkennen. Es lauerte nicht hier oben, es versteckt sich im Meerschaum, in den tiefsten Höhlen und der dunkelsten Nacht.
Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass keiner mich beobachtete, glitt ich vom Pier und sank lautlos ins Meer. Kleine Luftblasen kitzelten mir über die Wangen auf ihrem Weg zur Oberfläche und ich öffnete den Knopf meiner Jeans, zog sie mir von den Beinen und ließ sie treiben.
Ich beobachtete wie meine Hose zur Oberfläche trief, während ich an ihr vorbei in die Tiefe sank. Bis die zwei Dinge geschahen, die ich erwartete:
1. Kälte strömte vertraut durch meinen Unterkörper und meine Beine verschmolzen zu einem aquamarinfarbenen Fischschwanz.
2. Ein leises Vibrieren lief über meine Haut. Er holte mich. Er hatte nur hierauf gewartet.
Das Vibrieren wurde stärker bis sich ein schwarzer Strudel unter mir auftat und mich einsog. Ich lehnte mich zurück. Widerstand kostete. So oft hatte ich bereits mit Schmerz und Blut dafür bezahlen müssen, dass ich schließlich lernte, es sei einfacher, mich holen zu lassen. Ich schloss die Augen und schmeckte, wie sich das Blut in meinem Mund sammelte, wartete geduldig darauf, dass das Rauschen des Wassers sich beruhigte.
»So? Du wagst es zurückzukehren, Zoya?«
Schwarz, wie die dunkelste Höhle des Meeres und süß, wie die ersten Strahlen der Sonne, ertönte seine Stimme. Die unterschwellige Drohung legte sich jedoch wie Ketten um meinen Hals und ich öffnete die Augen.
Der weitläufige Thronsaal aus hellen Korallen und geflochtenem Seegras, sah aus, wie immer. Bleischwer traf mich die Erkenntnis, wie lange ich nicht hier gewesen war. Ich schluckte und legte den Kopf in den Nacken. Der Kronleuchter war bestückt mit leuchtenden Magiekristallen, ihr Licht verwandelte die polierten Böden in Spiegel. Es wirkte so friedlich und einladend. Doch das Wasser ließ mich frösteln und die einzige Person im Saal, jagte mir einen Schauer über den Rücken.
Cheos thronte vor mir, den dunkelblauen Fischschwanz über eine Armlehne geworfen und das Kinn auf seine Faust gestützt. Die eisblauen Augen fixierten mich abfällig. Ein schwarzer Dolch lag in seiner anderen Hand, über dessen Griff er gleichmäßig mit seinem Daumen fuhr.
Ohne zu zögern verließen die Worte meinen Mund. »Cheos. Ich habe über dein Angebot nachgedacht.« Große Blasen trieben vor mir nach oben, sie verzerrten sein Gesicht zu einer Fratze, die mich schaudern ließ.
Er richtete sich auf und neigte den Kopf interessiert. Ich konnte sehen, wie seine Kiemen ungeduldig auf- und zuklappten. »So? Das hat viel länger gedauert, als ich dachte. Hatte ich dir das Angebot nicht vor Monaten unterbreitet? Meine Liebe, du bist verschwunden. Kein Fisch, kein Krebs und keine Muschel konnte dich finden. Sag mir: Wieso denkst du, dass das Angebot auf dem Tisch ist?«
Ich ballte die Hände zu Fäusten und grub meine Fingernägel in meine Handflächen. Eine Welle der Panik brach über mich herein und ich ignorierte seine Sticheleien. Das Angebot war mein letzter Ausweg. »Ich bin geneigt es anzunehmen. Allerdings… habe ich Bedingungen.« Meine Stimme zitterte.
Cheos lachte glockenhell. Hätte ich nicht seine Zähne gespürt, hätte ich ihn fast für charmant gehalten. »Du denkst, du wärst auch noch in einer Verhandlungsposition? Nachdem du mich abgestoßen und das Meer verlassen hast? Du scheinst zumindest in Sachen Humor etwas von den Menschen gelernt zu haben, Zoya.«
Ich öffnete den Mund, um ihm zu antworten, als er sich vom Thron gleiten ließ und langsam auf mich zukam. Abrupt verschlug es mir die Sprache und mein Herz hämmerte gegen meinen Brustkorb. Er hingegen streckte ruhig eine Hand nach mir aus und verzog angewidert den Mund, während seine Fingerspitzen nach meiner Jacke griff, als handle es sich um Fischabfälle.
»Du siehst aus, wie eine von ihnen«, zischte er scharf und umkreiste mich. »So lächerlich schwach und zerbrechlich. Es steht dir nicht. Zieh es aus.«
»Aber ich habe…« Meine Stimme versagte unter dem harten Blick, den er mir über die Schulter zuwarf. Ich schluckte und legte meine Jacke ab, ließ mein Top folgen, bis ich nur mit Schuppen bekleidet war. Verlegen blickte ich zu Boden.
»Was sind deine Bedingungen, Zoya?«
Überrascht sah ich auf. Cheos stand mit einigem Abstand vor mir und ließ die Augen über mich gleiten. »Du gehst darauf ein?«
»Das ist nicht, was ich gesagt habe.«
Ich straffte meine Schultern und nickte. »Gut. Ich möchte, meine Schwestern und meinen Vater sehen, wann immer ich es möchte. Und ich will ein Mal im Monat an die Oberfläche. Für einen Tag.«
„Auf keinen Fall.«
Frustriert stieß ich die Luft aus und fletschte die Zähne, die aufsteigenden Blasen trübten meine Sicht. Als ich seinen wütenden Gesichtsausdruck sah, bereute ich meinen Kontrollverlust sofort. »Wieso nicht?«, wollte ich wissen.
»Einen Tag im Monat? Du machst dich lächerlich. Du hast ja kaum ein paar Wochen dort ausgehalten. Was willst du dort überhaupt?«
Ein kleiner Funke Hoffnung glomm in mir auf. »Aber meine Schwestern darf ich sehen? Was ist mit Vater?«
Cheos verzog den Mund zu einem spöttischen Grinsen. »Solange das Gitter seiner Zelle zwischen euch bleibt, darfst du ihn sehen, wann immer eine Wache dich begleitet.«
Ich kniff die Augen zusammen und musterte ihn, wog ab, ob er weiter nachgeben würde. Seine kalte Maske verrutschte nicht einen Wimpernschlag lang. Dann nickte ich. »Gut. Wie wäre es mit vier Tagen im Jahr an der Oberfläche?«
»Zoya, ich sagte nein.«
Mit einem Ruck schwamm ich auf ihn zu und legte die Arme auf seine nackte Brust. Dies war mein schärfstes Schwert. Seine Haut war eiskalt und ich verbot mir zurückzuzucken. »Mit einer Wache«, flehte ich. »Bitte, Cheos. Bitte sperr mich nicht hier ein, ich brauche das.«
Er spannte sich unter meinen Händen an. »Ich verstehe nicht wieso.«
»Dann begleite mich. Sie haben so tolle Sachen. Theater, Bücher, Handwerk, Museen. Und das Gefühl der Sonne auf der Haut.«
Einige Herzschläge lang, schwieg er und musterte mich mit seinen blauen Augen. Ich konnte sehen, wie etwas in ihm brach, als er den Blick von mir abwandte und mit den Zähnen knirschte. Etwas das mich an Sehnsucht erinnerte, huschte über sein Gesicht. »Gut. Ich stelle die Wache oder begleite dich selbst. Und wenn du länger bleiben willst, zerre ich dich persönlich zurück. Darauf kannst du dich verlassen.«
Meinen Mundwinkel wanderten nach oben und ich strahlte, meine Hände legten sich um seinen Nacken. »Danke, Cheos.«
Er zog die Augenbrauen hoch und stieß mich von sich. »Wenn das alles war, dann verkünden wir es jetzt. Verlobt vor dem Volk. Und vergiss nicht: Jede Freiheit wird ihren Preis haben.«
Mein Lächeln erstarb. Seine Drohung hatte ihre Wirkung erzielt.

Bild: matt hardy

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