Endlich wieder eine Special-Editon! Mein allerliebster Feiertag des Jahres – wenn man es so bezeichnen kann – ist Halloween. Ich liebe die Jahreszeit und alles was dazugehört. Und daher musste ich natürlich einen passenden Prompt finden und eine Geschichte schreiben.

Du bist auf einer Beerdigung, auf der alle lügen.
Herausforderung: Schreibe aus der Sicht eines Tieres.

🖋️ Szene: Die Beerdigung

Wenn es einen Ort gab, an dem ich am liebsten war, dann musste es der Friedhof sein.
Ich genoss es, wie die Menschen zusammenzuckten, wenn ich mich aus einem Baum erhob. Oder auf einem der Steine vor ihnen landete. Wie ihre Pupillen weiteten vor Schreck und ihr Atem sich beschleunigte. Besonders genoss ich die kalten Jahreszeiten. Wenn ich durch den Nebel brach, hatte ich der ein oder anderen Kehle bereits einen Schrei entlockt.
Doch am besten gefiel es mir, wenn sich eine große Menge Menschen versammelte. Ihre Geräusche übertönten meine, zogen die Aufmerksamkeit von mir. Meist suchte ich mir einen nahgelegenen Baum und legte mich auf die Lauer. Der richtige Moment war schwer auszumachen, es kostete Geduld und jahrelange Erfahrung – mit beidem konnte ich glänzen.
Heute kroch der Nebel gemächlich über das taugetränkte Gras, das orange Laub raschelte und die Kastanie, zwischen deren Ästen ich mich niedergelassen hatte, warf ihre Früchte ab. Mit unregelmäßigen Klonk prallten diese gegen die Gräber. Ohne aufzusehen, wusste ich welchen Stein die Kastanie traf. Das hohle Geräusch deutete auf den weißen, weichen Stein hin, während der tiefere Ton einen Aufprall auf dem Dunklen bedeutete. Den mochte ich nicht, er war so furchtbar unnachgiebig unter meine Klauen. Meistens jedoch wurde die Frucht ohnehin von der Erde abgefedert. Ein besonders lautloser Aufprall erregte meine Aufmerksamkeit. Jemand hatte ein Loch gegraben und die Erde daneben zu einem Haufen aufgetürmt. Mein Kopf neigte sich zur Seite und ich versuchte einen Geruch zu wittern. Der Wind stand günstig, die Erde roch frisch. Versprach jede Menge Futter.
Ich hüpfte vorsichtig ans Ende meines Astes und breitete meine Flügel aus, glitt elegant aus der Krone zur Erde herab. Anmutig landete ich vor dem Haufen und beäugte ihn, suchte darin nach Bewegung. Insekten, Maden oder Würmer, alles, was meinen Magen füllte, war mir recht. Ich zerpflückte den Dreck, pickte nach den Würmern, da vibrierte die Erde sanft unter meinen Klauen. Schritte, die sich näherten – Menschen. Schwer genug, um die Erde zittern zu lassen. Es mussten viele sein.
Ich erhob mich rasch in die Lüfte, solange sie mich nicht gesehen hatten und versteckte meine gesamte Gestalt in der Krone eines Ahorns.
»Oh, er wird mir so schrecklich fehlen.« Eine alte Frau mit kurzem, weißem Haar tupfte sich ihre Augen ab. Der glänzende Stein an ihrer Hand weckte mein Interesse, vorsichtig hüpfte ich näher an die Gruppe, um sie zu beobachten.
Die Menge näherte sich dem Haufen Erde, an dem ich soeben noch gepickt hatte. Der Nebel verzog sich unter ihren Schritten, hing jedoch noch in der Baumkrone. Ich musste den perfekten Moment abpassen.
»Ich wusste gar nicht, dass du die Schauspielschule besucht hast, Tante Anges. Es ist unglaublich, wie echt deine geheuchelten Tränen aussehen«, sagte ein Mann im schwarzen Anzug.
Erschrocken schnappte die weißehaarige Frau nach Luft. »Wie kannst du es wagen…?«
»Wie er es wagen kann? Zumindest hat Grant sich um Onkel Vernon gekümmert, Agnes. Wo warst du die letzten Monate?« Eine Frau mit Haaren, die wie Herbstlaub aussahen, klammerte sich an den Arm des Mannes im Anzug. »Ich meine, wir hätten eine Postkarte von dir bekommen. Karibik, wenn ich mich recht erinnere. Warst du nicht monatelang auf Kreuzfahrt?«
»Gekümmert?« Agnes hob die Stimme. Ein paar der Umstehenden sahen sie verlegen an. »Ihr habt euch großartig gekümmert. So großartig, dass seine Sammlung antiker Armbanduhren nicht mehr aufzufinden ist. Ich wette, ich sehe sie in ein paar Jahren an deinem Handgelenk wieder, Grant.«
Grant schnaubte. »Sagt die Frau, die sich das chinesische Porzellan vor der Erbschaftsverkündung unter den Nagel gerissen hat.«
Ein Raunen ging durch die Trauergemeinde. Manche rückten ein Stück von den Streitenden ab, andere beugten sich neugierig vor. Ich verharrte auf meinem Ast, die Federn vor Erregung gesträubt. Oh, wie sehr ich diese Momente liebte: Wenn Trauer in Gier umschlug und das Wehklagen mit Häme durchzogen war. Menschen waren am köstlichsten, wenn ihre Masken fielen.
»Das ist eine dreiste Lüge!«, fauchte Agnes. Ihr Taschentuch in ihrer Hand flatterte wie eine weiße Fahne, doch die Kapitulation blieb aus. »Vernon hat mich geliebt. Er hätte gewollt, dass ich–«
»–dass du dich bereicherst?«, fiel die Herbsthaarige ihr ins Wort. Ihre Stimme war kalt, wie das Metall um die Steine im Winter. »Er hat mir geschrieben, Agnes. Bis zu letzt. Und in keinem einzigen dieser Briefe hatte er dich je erwähnt.«
Der Nebel schien sich zu verdichten, schob sich zwischen die Gestalten und ließ ihre Gesichter verschwimmen. Nur die Stimmen blieben scharf wie Messer. Ich duckte mich tiefer ins Laub, bereit, jeden ihrer Aufschreie einzusaugen.
Grant machte einen Schritt nach vorne, seine Schuhe sanken dumpf in die feuchte Erde. »Onkel Vernon hat mir die Schlüssel zu seinem Safe gegeben. Ehe er… Wenn also jemand das Recht hat, dann wohl ich.«
Stille. Nur ein Kastanienball fiel, als wollte er das Gesagte besiegeln. Wie leicht wäre es, jetzt in ihr Chaos zu stoßen, einen Schrei herauszureißen und sie in die Angst zu stürzen. Doch ich blieb geduldig. Agnes’ Augen blitzten wie das Metall an ihrem Finger.
»Ein Recht, meinst du?« Ihr Lächeln war dünn, wie Laub. »Dann schau dich mal um, Grant. Er liegt hier unten, und das Einzige, was wir noch teilen, ist sein Erbe. Wollen wir wirklich vor der Familie zeigen, wie klein wir sind?«
Einige nickten zustimmend, andere murrten, doch der Schlagabtausch hatte Spuren hinterlassen. Worte waren gefallen, die nicht mehr zurückzunehmen sind. Die Trauerveranstaltung verwandelte sich in eine Bühne, auf der jeder seine Rolle kannte.
Ich wartete noch einige Herzschläge der Stille ab, dann schüttelte ich die Federn und ein Krächzen entrang sich meiner Kehle. Ein paar Köpfe fuhren erschrocken herum und suchten nach der Quelle. Doch der Nebel in der Baumkrone hielt mich verborgen. Ein Hauch Panik, kaum wahrnehmbar, huschte durch die Menge. Herrlich.
Die Erde war noch frisch, der Stein noch blitzblank. Doch unter der Oberfläche, das wusste ich, faulte mehr als nur Knochen.
Mit einem abrupten Flügelschlag stieg ich hoch. Einige Trauernde zuckten erschrocken zusammen. Der Streit würde sich auch ohne mein Zutun früher oder später fortsetzen. In Häusern, in Briefen. Ich hatte, was ich wollte: Zucken, Schreie, menschliche Abgründe.
Und morgen würde wieder jemand weinen.

Bild: sofi trejo

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