Du wirst angebellt.

🖋️ Szene: Der Ruhm

Der Hund in der Handtasche starrte mich an, Augen wie Murmeln, die Zähne gefletscht. Mein Mund verzog sich zu einem herausfordernden Grinsen und ich legte den Kopf schief, rückte meine Sonnenbrille gerade. Der Chihuahua knurrte daraufhin leise, doch lag nach wie vor in seiner schwarzen, gepolsterten Handtasche, auf der das Prada-Emblem im Neonlicht des Cafés blitzte. Die Halterin des Hundes bemerkte es nicht – zu sehr war sie in ein Gespräch mit einer anderen Frau vertieft. Sie rührte geistesabwesend in ihrem Tee herum und lauschte angeregt den Worten ihrer Begleitung.
Erst, als der Hund begann hysterisch zu bellen und aufsprang, zuckte sie erschrocken zusammen und fuhr zu ihm herum.
»Chloé! Aus!« Sie hatte eine hohe Stimme, die mir ins Trommelfell schnitt und mein Grinsen breiter werden ließ. Sie zog die Tasche zwischen ihre Beine unter dem Tisch und Chloé legte sich beleidigt zurück auf ihren Platz. Die Frau drehte sich zu meinem Tisch herum.»Entschuldigen Sie, b–«
Sie starrte mich mit großen Augen an. Sie wusste, wer ich war. Das sah man an der Art, wie sie plötzlich die Luft anhielt. In ihren Augen flackerten bereits gedruckte Überschriften auf:
Lady Crowe stürzt betrunken in Londoner Bar – Der Alkoholismus unserer Ladyschaft
Instagram-Künstlerin sichert sich ihre Lordschaft Crowe – Von Leinwand zu Whisky-Imperium
Hat SIE es nur auf sein Vermögen abgesehen? – Die GANZE Wahrheit
Wie sich brotlose Künstlerin Elaya James zur Lady Crowe machen ließ – Eine Erfolgsgeschichte

Ich hätte fast gelacht. Sie kannten mich nicht. Niemand tat das, seit mein Name zum Hashtag wurde. Die Tabloiden des ganzen Landes hatten nichts Besseres zu tun, als von meiner Beziehung zu berichten, seit ich in Davids Wohnung gezogen bin und es unmöglich wurde diese zu verheimlichen. Aber das war es nicht, was mich störte – nein, tatsächlich schmeichelte mir die Aufmerksamkeit sehr. Sie maßen mir bei weitem mehr zu, als sie sollten. Ich hatte David kennengelernt, wir hatten uns verliebt. Das war’s. Keiner von uns hatte sich für den Stand, den Beruf oder das Vermögen des anderen interessiert.
Was mich störte war, dass sie mir es unmöglich machten, das zu tun, was ich liebte. Ich liebte es, Sommerabende in Bars, das dumpfe Klimpern von Gläsern, das Murmeln der Gespräche, fremde Gesichter in der Menge. Geschichten, die sich selbst schrieben, ehe ich sie malen konnte. Den Sonnenuntergang im Hyde-Park zu beobachten, Farben zu entdecken und sie im Kopf anzuzischen. Nachts im Gong von weit oben herab auf die Themse zu blicken, die im Licht der Stadt glitzerte und mich Reflektionspunkte entdecken ließ. Ich brannte dafür, kleine Restaurants auszuprobieren; schreckliche und großartige Gerichte zu entdecken und sie in Pinselstriche zu übersetzen.
Alles war noch möglich. Aber war nie mehr umsonst.
Das letzte Mal, als ich mit meiner besten Freundin Vivien auf ein paar Drinks in der Stadt war, sind wir auf der dritten Seite der Sun gelandet, man unterstellte mir prompt ein Alkoholproblem und nannte nicht einmal meinen echten Namen – für sie war ich nur noch ihre Ladyschaft. Nicht einmal als Werbung für mein Atelier ließ sich das schön reden.
Hektisch sah die Frau weg und riss mich aus meinen Gedanken. Sie stieß nervös ihre Begleitung an, die daraufhin ihren Hals nach mir reckte. Das war mein Stichwort: Nichts wie weg hier.
Ich fischte nach meiner Tasche auf dem Stuhl neben mir und zahlte eilig an der Bar für meinen Cappuccino. Ich überlegte, welches andere Café bereits vor acht Uhr geöffnet hatte, doch keins wollte mir einfallen, als ich die Füße auf den Bordstein setzte. Die Straße war feucht vom Nieselregen und die warme Sommerluft roch nach zarten Blumen und warmem Gebäck. Die Sonne brach sich durch die dichte Wolkendecke, die immer über die Stadt zu liegen schien und blendete mich, während ich durch die Straßen schlenderte. Die Sonnenbrille auf der Nase, eine Baseball-Cap ins Gesicht gezogen. Ich vergötterte die Stadt am frühen Morgen. Meine Füße trugen mich bereits wieder nachhause.
London erwachte um mich herum, Stück für Stück, verschlafen und prachtvoll zugleich. Die Lieferwagen ratterten über das Kopfsteinpflaster, und ein Straßenkehrer zog mit stoischer Ruhe seine Runden. Als könnte ihn nichts auf der Welt aus der Fassung bringen. Ich beneidete ihn ein wenig. Sein Tag würde vergehen, ohne dass ihn jemand fotografierte, ohne dass jemand seine Kaffeepause beobachtete und kommentierte.
Ich bog in die Nebenstraße ein, die zu Davids Wohnung führte. Die Sonne hatte inzwischen die Fassaden erreicht und ließ die Regentropfen auf den Fenstersimsen glitzern wie kleine Diamanten. In einem Schaufenster spiegelte sich mein Gesicht, bleich, müde, makellos frisiert. Ich hielt kurz inne und musterte mich. Ich sah tatsächlich aus wie Lady Crowe.
Ich konnte nicht anders, als über mich selbst zu lachen. Das klang, als gehörte ich eigentlich in einen historischen Roman – mit Korsett, Perlen und gesellschaftlicher Etikette. Stattdessen trug ich Jeans, ein Over-Sized-Bluse und drei Tage alten Nagellack, der bereits absplitterte.
Im Foyer roch es nach frischer Farbe und teurem Parfüm. Der Portier nickte mir zu, so wie immer, wenn er nicht sicher war, ob er Smalltalk mit mir führen wollte oder lieber schwieg.
Ich tat ihm den Gefallen und lächelte nur, während ich schnurstracks zum unserem Aufzug lief, der sich automatisch in Bewegung setzte, kaum hatte ich den Schlüssel im vorgesehen Schloss gedreht. Ich beobachtete die Zahlen, die aufleuchteten, eine nach der anderen, bis wir das Penthouse erreichten. Die Wohnung war still, nur der Summton des Kühlschranks und das entfernte dröhnen der Stadt drang durch ein geöffnetes Fenster. David hatte die Wohnung bereits verlassen, ein Zettel lag auf der Kommode an der Eingangstür.
Croissants sind in der Küche, falls du Hunger hast. Ich liebe dich.
Wärme stieg mir in die Brust und ich stellte meine Tasche ab, zog die Schuhe aus und ging barfuß durch den Flur. Überall standen meine Leinwände, manche fertig, manche verworfen. Das Chaos gefiel mir, es war das Einzige, das noch wirklich mir gehörte.
Ich trat ans Fenster und zog die Vorhänge zurück. Der Hyde-Park lag in der Ferne, ein grünes Band in der grauen Stadt. Ich nahm eine kleinere Leinwand von der Staffelei und drehte sie um, strich mit den Fingern über die trockene Farbe.
Vielleicht, war es Zeit, wieder ich zu werden. Mein Spiegelbild aus dem Schaufenster blitzte in mir auf. Das war es. Etwas, das nicht davon handelte, wer ich angeblich war. Sondern davon, wer ich bin, wenn keiner hinsieht.

Bild: Shaya Pets

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