Du wirst aus deiner Wohnung geschmissen.

🖋️ Szene: Der Pub

Ich saß mit einem Glas Wein auf dem Sofa. Der Chardonnay, den ich so mochte. Ich machte ihn nur zu besonderen Anlässen auf. Heute war keiner davon. Heute war er mein Rettungsseil.  Mein Anker, an dem ich mich hielt, während die Wellen um mich herum höher wurden. Die Wände näher kamen.
Ich fühlte mich, als würde ich in ihnen ertrinken.
Das Geschrei hörte nicht auf. Es wurde nicht leiser. Wenn dann wurde es einfach nur lauter.
Er schrie mich an, ich sah, wie sich seine Lippen bewegten. Er gestikulierte. Er stampfte. Sein Gesicht war vor Wut ganz rot angelaufen  Aber ich hörte ihn nicht. Ich hörte nichts. Ich sah wie hinter ihm am Fenster, der Regen hinablief. Tropfen für Tropfen. Es war, als würden die Wellen in mir drin, auch von außen an die Scheiben schlagen. Als müssten sie höflich anklopfen, ehe sie mich mit sich rissen.
»Hörst du mir überhaupt zu?«
Ich blinzelte. »Nein.«
Damit hatte er nicht gerechnet, er stockte. Dann wurde er blass. Kam wütend auf mich zu. Seine Augen glitzerten. Ich war mir sicher, er würde mich schlagen. Doch er stoppte. Schlug mir das Weinglas aus der Hand. Es zerschellte auf den Dielen. Der Wein lief in die Zwischenräume. Glasscherben schlitterten über den Holzboden. Ich blickte ihnen nach.
 »Wenn du keine Lösung finden willst. Kannst du genauso gut gehen.«
Ich sah langsam zu ihm auf. »Wohin denn?«
»Weißt du was? Das ist nicht mehr mein Problem.«
Das Blut wich mir aus dem Gesicht. »Das kannst du nicht-«
»Doch. Verschwinde. Pack deine Sachen und verschwinde.«
Ich blieb sitzen. Aus Schock. Aus Resignation. Ich wusste es nicht.
»Es ist vorbei. Verschwinde!« Er schrie wieder.
Als ich mich immer noch nicht bewegte, kam er auf mich zu und riss mich vom Sofa. Ich riss mich los.
»Schon gut, ich gehe!« Ich griff nur nach meiner Tasche und Jacke. Viel zu dünn, keine Chance gegen den Regen. Und schlug die Tür laut hinter mir zu.
Kein Regenschirm.
Kei Ziel.
Ich ging eilig durch die Straßen, wusste bald nicht mehr wo ich war.
Ohne Gnade schlug der Regen auf mich nieder. Nach wenigen Metern war meine Jacke schwer und triefnass. Zwang mich mit ihrem Gewicht beinahe in die Knie.
Aber mein Kopf war leer.
Das war eine Trennung, oder? Es tat überhaupt nicht weh. Es war, als wäre ich hohl.
Nein, das stimmte nicht. Ich fühlte mich sogar frei. Als hätte ich ein Stück Ballast hinter mir gelassen.
Und hier draußen merkte ich, dass die Wellen, die mich unter sich begraben wollten, vielleicht nur ein Regenschauer waren. Einer, der mich reinigte, statt zu ertränken.
Ich beschleunigte meine Schritte, wie beflügelt.
Konnte kaum etwas erkennen und doch ging ich weiter. Immer weiter. Weg, bis ich nicht mehr spürte, wie die Wände mich eingeengt hatten.
Bog um die Ecke und prallte hart gegen einen nassen Körper.
Er war groß, ich knallte mit meinem Kopf gegen seine Brust.
»Entschuldigung«, murmelte ich und lief unbeirrt weiter.
Er sagte nichts, setzte seine Schritte ebenfalls fort in die entgegengesetzte Richtung. Sie wurden durch den Regen geschluckt.
Irgendwann entdeckte ich ein helles Licht. Konnte durch den Regenschleier nicht genau erkennen, was das war. Aber es fühlte sich richtig an. Und mir war furchtbar kalt in meinen nassen Klamotten.
Eine Bar. Nein, eher ein schäbiger Pub. Es roch muffig. Als wäre lange nicht gelüftet worden.
Es war niemand darin als ich durch die Tür kam.
Der Wirt grunzte, als er meinen Anblick sah. »Sie sind nass.«
»Ich weiß, es regnet.«
»Das kann ich sehen. Was wollen Sie?«
»Für den Anfang, wäre ein Glas Wasser schön.«
Er nickte. Schenkte es ein. Ich ließ mich an der Bar nieder. Atmete den staubigen Duft ein. Es fühlte sich an, als würde ich zum ersten Mal Luft holen. Ironisch, ich musste grinsen.
Hinter uns flog die Tür auf.
Jemand kam in den Laden.
Der Wirt seufzte genervt. »Sie tropfen alles voll.«
»Es tut mir schrecklich leid.« Die Person verharrte bei der Tür. Ich sah nicht auf.
Resigniert blickte der Wirt zu ihm. »Bier?«
»Gern.«
Er ließ sich zwei Plätze von mir entfernt nieder.
Das Bier wurde hart vor ihm auf das Holz gestellt. Er ignorierte höflich, dass es überlief.
Er kam mir bekannt vor.
Dieser nasse Trenchcoat. Es war der Mann auf der Straße. Ich wusste nicht, ob er sich an mich erinnerte. An den Moment im Regen.
»Ich hab Sie angerempelt.« Ich sagte es neutral. Schlicht.
»Ja.«
»Tut mir leid.« Ich blickte nicht auf.
»Wo wollten Sie hin?«
Ich drehte mich auf dem Stuhl in seine Richtung. »Hier her. Vielleicht auch nicht.«
»Warum?« Er drehte sich zu mir. Sah mich neugierig an.
»Ich weiß nicht. Ich musste raus.«
Er nickte.
»Und Sie?« Fragte sie.
»Ich hatte hier zu tun.«
»Ah.« Sie hielt ihr Glas in beiden Händen.
Wir schwiegen.
»Kunst«, sagte er dann.
»Wie bitte?«
»Ich wollte mir Kunst anschauen. Privat, Haushaltsauflösung. Aber sie haben mich so nicht reingelassen.« Ich musterte seinen tropfenden Mantel. Sein klebendes Hemd.
»Hätt’ ich auch nicht.« Ich lächelte. »Ich bin davongelaufen. Vor meinem Leben.«
»Wieso?«
Ich legte meinen Kopf auf meine Hand, beobachtete ihn. Überlegte wie viel ich sagen wollte. »Kennen Sie das, wenn einen die Wände in der eigenen Wohnung einengen?«
Er nickte.
»So war das. Nur waren es nicht nur die Wände.«
Er nickte erneut, sah nicht auf. »Ja, das kenne ich auch.«
»Also bin ich hergekommen.«
»Wieso haben Sie sie eingeengt?«
Ich zögerte. »Ich weiß es nicht.«
Er klammerte sich an sein Glas. Seine Knöchel traten weiß hervor. »Manchmal ist da so.«
»Ja. Manchmal ist das so.«
Ich nahm mein Glas in die Hand. Musterte ihn im Augenwinkel. Vielleicht sollte ich genau hier herkommen. Vielleicht musste ich ihn hier treffen. »Glauben Sie an Schicksal?«
»Nein.« Er nahm einen Schluck.
»Ich auch nicht.«
Ich sah in den Regen. Und lächelte schwach.
Ich war frei. Und vielleicht war das der erste Moment, in dem ich flog. Aus eigener Kraft.

Bild: karwin lou

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