
Nach einer schrecklich langen Winterpause melde ich mich zurück mit Kurzgeschichten! Ich hatte einige Zeit um darüber nachzudenken, wie ich das Format weiterhin gestalten möchte. Im letzten Jahr habe ich mich zunehmend eingeschränkt in der Wortanzahl. Dies möchte ich dieses Jahr – falls notwendig – aufbrechen, indem ich mir erlaube auch Geschichten über mehrere Wochen hinweg zu erzählen. Die Prompt bleibt jedoch selbstverständlich erhalten.
Diese Woche folgt somit Teil eins der Kurzgeschichte:
Alle Zimmer sind belegt.
🖋️ Szene: Die Herberge
»Nicht ein einziges Zimmer?« Meine Stimme klang weinerlich in meinen Ohren.
Die Wirtin hielt es nicht einmal für nötig, mir erneut zu antworten. Sie deutete mit dem Kinn zu einer Reisegesellschaft im Schankraum, zuckte mit den Schultern und zapfte ein Bier. Das lange braune Haar war zu einem Knoten gebunden, mehrere Strähnen hatten sich bereits gelöst und dunkelblaue Schatten unter den Augen schmückten ihr Gesicht.
Es waren Tage vergangen, seit ich zuletzt eine Ortschaft betreten hatte. Die Wälder in diesem Teil des Landes zogen sich schier endlos. Mittlerweile würde ich jedes Buch ohne mit der Wimper zu zucken gegen ein warmes Bett tauschen. Oder eine warme Mahlzeit, ein prasselndes Kaminfeuer. Und ein Bad – oh ja, ein Bad wäre wunderbar. Aber nachdem ich drei Tage in zwei Wolldecken gehüllt neben meinem Pferd Funkenstaub auf dem harten Waldboden schlafen musste, sehnte ich mich nach nichts mehr als nach einem Bett. Funkenstaub stand zumindest sicher behütet im warmen Stall. Der Stallbursche hatte sie für zwei Goldlinge abgesattelt, abgerieben und mit reichlich Hafer und Stroh versorgt. Hoffentlich hatte meine Suche nach dem Buch der Beschwörungsrunen bald ein Ende.
Geschlagen sank ich auf den Hocker am Tresen. Mein Gepäck fiel mit einem dumpfen Knall neben mich und ich zerfloss in Selbstmitleid auf dem Stuhl. »Habt ihr ein Tagesgericht?«
Die Augen der Wirtin zuckten zu mir, die Brauen bis zum Anschlag gehoben. »Natürlich haben wir ein Tagesgericht.«
Ich wartete darauf, dass sie es nannte. Doch sie bediente wortlos einen anderen Gast. »Und das wäre?«, rief ich über den Tresen.
»Eintopf.« Die Wirtin knallte ein Bier vor einem Mann auf den Tresen und drehte den Kopf zu mir. »Ein Goldling.«
Verdammt teuer für Eintopf in diesen Zeiten. Hoffentlich war zumindest keine Schuhsohle darin verkocht. »Eine Schüssel bitte.«
»Brot?«, wollte die Wirtin ungeduldig wissen.
»Gerne.« Ich versuchte ihr ein Lächeln zu schenken, doch sie kehrte mir den Rücken und verschwand im Hinterzimmer.
Während ich wartete, ließ ich den Blick gemächlich durch das Gasthaus schweifen. Gegenüber des Tresens lag eine große Feuerstelle, in der Flammen tanzten. Sie füllten den gesamten Raum mit ihrem Schein und dem Flüstern der Scheite. Die davor aufgestellten Tische waren besetzt.
Sonnengegerbte Männer mit hochgekrempelten Ärmeln tranken Bier und unterhielten sich. Sie pfiffen nach der Bedienung und lachten wild gestikulierend. An einem anderen Tisch spielten junge Frauen Karten und kicherten ausgelassen bei einem Glas Sherry. Niemand im Gasthaus beachtete mich, niemand bemerkte meinen Umhang mit dem eingestickten Buch in grünem Umschlag.
Wie ich hier wohl hineingepasst hätte, hätte ich hier gelebt? Hätte ich mich nicht für dieses Leben entschieden. Würde ich nicht in aller Welt nach seltenen Büchern suchen. Wo würde ich sitzen?
Mit einem Klirren landete eine Schüssel auf dem Tresen vor mir und ich fuhr erschrocken zusammen. Aus aufgerissenen Augen blickte ich in das erschöpfte Gesicht der Wirtin, dann auf meine Mahlzeit. Kein Brot. Na gut.
»Der Goldling«, forderte sie und presste ungeduldig die Lippen zusammen.
»Einen Moment.« Hektisch fummelte ich an meinem Münzbeutel herum, zerrte an der feinen Kordel und fischte eine Münze heraus. Schwach lächelnd legte ich diese auf den Tresen. Die Wirtin schnappte sie sich und rauschte zum Tisch an der Feuerstelle, während das Geld in ihrer Schürze verschwand.
»Gern geschehen«, murmelte ich in mich hinein und stocherte mit dem Löffel in den Eintopf. Dann hob ich den Löffel samt Inhalt unter meine Nase. Er roch himmlisch nach heißen Kartoffeln und würzigem, krossem Speck. Ich legte eine Hand um die Schüssel, wärmte meine eisigen Finger und schob den ersten Löffel zwischen meine Lippen. Er schmeckte noch besser als er roch. Das Gemüse zerfiel weich auf meiner Zunge und der Geschmack nach Heimat und Gemütlichkeit explodierte in meinem Mund.
Ich aß so gierig, dass ich nicht merkte, wie jemand neben mir auf den Stuhl glitt.
»Auf der Durchreise, hm?« Eine tiefe Stimme riss mich aus meiner kulinarischen Offenbarung.
Mit der Zunge fuhr ich über meine Lippen und sah auf. »Ganz recht.«
Ein Mann hatte sich neben mir auf den Stuhl fallen lassen. Ich hatte ihn nicht in der Taverne bemerkt. Er trug eine Brille mit runden Gläsern, mit der er eulenhaft wirkte. Über seiner Schulter trug er eine große braune Ledertasche, deren Ecken abgenutzt und glatt gerieben waren. Auf seinem Umhang war ein kleines Buch gestickt. Zu schlicht für Venra, zu dunkel für Gelehrte. Ich kniff die Augen zusammen und versuchte, mich an den dazugehörigen Orden zu erinnern. Da zog er den Umhang ein Stück höher und verbarg das Abzeichen vor den übrigen Gästen. Ich bemerkte schwarze Tinte an seinen Fingern.
»Es gibt keine Zimmer mehr«, stellte er fest.
»Stimmt.« Ich aß ungerührt weiter und drehte meinen Oberkörper leicht von ihm weg.
»Ich kenne einen Ort, an dem ihr die Nacht verbringen könnt.« Seine Stimme war leise. Unwillkürlich zuckten meine Augen zur Wirtin, die eine Flasche Sherry öffnete.
Nachdenklich rührte ich in den Resten meines Eintopfs, ehe ich mich dem Fremden zuwandte. Sein Blick verfing sich an dem grünen Buch auf meinem Umhang. Dann wich ich in kühler Höflichkeit ein Stück vor ihm zurück. »Fahrt fort.«
»Ich betreibe eine Buchhandlung. Hier im Ort.« Unsicher rieb er sich über den Nacken.
Ich unterdrückte ein Schnauben. »Ihr wollt, dass ich in einer Buchhandlung übernachte?«
»Seid ihr denn nicht eine Venra?« Seine Augen zuckten von meinem Umhang in mein Gesicht.
Nur wenige erkannten eine Venra, wenn sie sie sahen. Auch mit dem Abzeichen auf dem Umhang. Hitze stieg mir in die Wangen und mein Herz beschleunigte sich. Dass man mich hier so schnell erkannte – an einem so abgelegenen Fleckchen Erde – war schmeichelhaft. Und beunruhigend.
»Doch. Und ihr seid?«
»Ein Niemand.«
Ich kniff die Augen zusammen, unterdrückte ein Seufzen. »Ein Namenloser mit einer Buchhandlung?«
»Entschuldigt. Aric. Aric Korthlan.«
»Andrena Withran.«
Seine Augen wurden groß. »Die Andrena, die das Grimoire der Thenay-Hexen archiviert und transkribiert hat?«
Meine Brust schwoll vor Stolz an. »Ganz recht.«
Arics Blick glitt misstrauisch an mir herab. »Ich hatte erwartet, ihr wärt älter.«
»Ihr zweifelt? Dann testet mich.«
Überrascht blinzelte er mich an. Ich schob meine leere Schüssel über den Tresen und wandte mich vollständig zu ihm, den Kopf auf eine meiner Hände gestützt.
Aric lächelte. »Also gut. Die Zauber im Grimoire waren kategorisiert. Könnt ihr mir die Kategorien nennen?«
Selbstgefällig grinste ich. »Schutz, Illusion, Beschwörungen, Elementar und Chaos. Selira Thenay verehrte allerdings das Chaos. Ihre Runenversuche, Raum und Zeit zu verweben, waren faszinierend. Ihrer Epoche weit voraus.« Ich seufzte bedauernd. »Hätte sie diesen letzten Zauber nur überlebt. Wir wüssten heute Dinge, die selbst den Venra nicht vertraut sind. Die Art, wie Selira Wissen über Vernunft stellte, war einzigartig. Manch einer würde behaupten sie war töricht, doch sie verstand die Grenzen ihrer Magie, sie wusste, was sie tat.«
Die Augen meines Gegenübers glänzten. »An welchem Zauber verstarb sie?«
Ha, eine Fangfrage. »Das ist nicht überliefert. Meine Vermutung ist, dass es nicht ihr eigener war.« Ich schürzte die Lippen. »Eine Schande, dass ihre übrigen Werke verboten und verbrannt wurden, weil sie als gefährlich erachtet wurden.«
Aric sah mich mit leicht geöffnetem Mund an. »Ich habe alles von euch gelesen. Eure Abhandlungen sind hier unter Gelehrten stark verbreitet.« Er richtete sich neben mir auf und reichte mir seine Hand. »Es wäre mir eine Ehre, euch heute Nacht Zuflucht zu gewähren.«
Ich starrte auf seine Handfläche. Konnte ich ihm vertrauen? Selbst wenn nicht – ich war in der Lage, mich zu verteidigen. Aber keine weitere Nacht würde ich auf dem kalten Waldboden verbringen. Funkenstaub hatte sich ihren Frieden im Stall ebenfalls redlich verdient.
Ich ergriff seine Hand und ließ mich von ihm auf die Füße ziehen. »Ich nehme dankend an.«
Sogleich schnappte er sich mein Gepäck und schlenderte in Richtung des Ausgangs. Aric hielt mir die Tür der Taverne auf und legte mir seine Hand auf den Rücken, als ich hinaus in die kalte Herbstluft trat. Ich zog meinen Umhang ein Stück enger und ließ den Blick zum Stall schweifen. Er war erfüllt vom Schimmer einiger Laternen, Funkenstaub war gut aufgehoben. Ich würde sie morgen holen.
»Hier entlang.« Aric leitete mich auf die Hauptstraße des Örtchens. Die Straßen waren leer gefegt, nur das leise Scheppern der Rüstung einer Wache auf Patrouille war zu hören. In einigen Hütten brannte Licht und Rauchwolken stiegen aus den Schornsteinen empor. Es roch nach feuchtem Waldboden und brennendem Holz.
Bild: Stian Skevig
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