
Teil Zwei der Kurzgeschichte von letzter Woche. Diesmal lautet der Prompt:
Du betrittst eine verwunschene Buchhandlung.
🖋️ Szene: Die Buchhandlung
Die Buchhandlung war nur wenige Schritte von der Taverne entfernt, ich erkannte sie, ehe Aric etwas sagte. Hinter den eisenbeschlagenen Fenstern erspähte ich Regal an Regal, selbst im schwachen Licht des Mondes. Es war ein kleines Gebäude aus grauen Steinen und dunklen Holzbalken, es hatte bessere Tage gesehen, aber ich mochte den Charme. Das Haus selbst wirkte verwunschen. Efeu rankte sich über die Westseite und verbarg hinter seinen Blättern ein kleines hölzernes Schild. Die verblassten Buchstaben konnte ich kaum entziffern. Buchhandlung für Magie und Hexerei.
Aric schob sich vor mich und machte sich am Schloss zu schaffen. Knarzend schwang die Tür auf. »Bitte. Tretet ein.« Mit einer ausladenden Geste bedeutete er mir, mich umzusehen.
Ich schlüpfte mit einem Nicken durch die Tür und sog den Geruch nach altem Papier und süßen Zaubern ein. Aric entzündete eine kleine Laterne auf dem Verkaufstresen und eine weitere in seiner Hand. Mein Gepäck lehnte er vorsichtig neben die Tür, die er hinter sich verschlossen hatte. Ein sanfter Feuerschein legte sich auf die Buchrücken. Sie tanzten und schimmerten in ihrem eigenen Rhythmus.
Langsam schlenderte ich zwischen zwei Regalen entlang, musterte knapp die Porträts an den Wänden. Die alten Dielen krächzten unter meinen Schritten, als ich Titel und Namen in verschiedensten Sprachen las. Einige Titel verschwammen unter meinem Blick und setzten sich neu zusammen. Ich spürte, wie sich das Abzeichen auf meiner Brust erhitzte.
Chroniken der Schatten. Fluss der Erinnerungen. Versiegelte Träume.
Mit den Fingern strich ich behutsam über die Einbände, tanzte mit den Fingerspitzen über verschiedene Materialien. Leder, Stoff, Papier und kühle, raue Runenhaut. Aufregung ließ mein Herz schneller pochen.
»Ihr wart bescheiden. Euer Angebot ist beträchtlich. Wie sind sie sortiert?«, fragte ich neugierig. Den Blick weiter auf die Buchrücken geheftet.
Er antwortete mir nicht. Als ich aufsah, warf Aric mir einen erwartungsvollen Blick zu. Als würde er auf ein Urteil warten. Dann deutete er mit dem Finger auf die einzelnen Regale. »Von links nach rechts sind sie sortiert nach Portalen, Erinnerungen, Fallen, Zaubern. Die Grimoires werden separat aufbewahrt.«
Ein Buchrücken wölbte sich vor mir auf und ich zuckte zurück. Ich hatte die Finger über eine Erinnerung streifen lassen. Das war nicht mein Spezialgebiet. Nie wieder wollte ich in eine Erinnerung fallen und kaum auftauchen können. Das Geräusch aufeinanderschlagender Zähne und das Schmatzen des Schlamms, als ich flüchtete, war mir nur allzu gut im Gedächtnis geblieben. Ich schüttelte den Gedanken ab.
»Die Zauber sind hier vorne. Aber ehrlich gesagt…« Aric hielt inne, wirkte mit einem Mal verunsichert, ich kniff die Augen argwöhnisch zusammen.
»Ja?« Ich senkte die Hand und sah ihn fragend an.
»Ich, also… Ich wollte euch etwas zeigen. Es ist im Hinterzimmer.« Er trat mit schweren Schritten auf mich zu. Verdammt, ich hatte es geahnt – eine Falle. Natürlich, warum sonst, hätte er mich so schnell als Venra enttarnt?
Ich wich vor ihm zurück, den Blick auf seinen Umhang gerichtet. »Welchem Orden gehört ihr an?«
Aric blieb abrupt stehen. Mein Blick zuckte zur Laterne in seiner Hand. Die Knöchel seiner darüberliegenden Hand traten weiß hervor.
Inflammare. Immensa Incendia. Explosio. Zauber schossen mir durch den Kopf und ich prüfte, ob ich die Präsenz von Brandschutzrunen wahrnehmen konnte. Nichts. Nur einer dieser Zauber, und der Laden war nichts als Asche. Die Bücher, Regale und er. Auch wenn mein Herz schmerzte beim Gedanken an die brennenden Seiten – ich würde alle opfern, um mich zu retten.
Ein Hornstoß schnitt durch die Stille zwischen uns, kurz und fern. Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt.
»Zentor.« Arics Stimme war kaum ein Hauch. Er wich einen Schritt vor mir zurück, wappnete sich für meine Reaktion.
Zentor. Das Wort schnitt durch meine Gedanken, wie frostiges Eisen. Ich hatte von ihnen gehört. Kaum mehr als Geflüster, ich hatte es nur für Geschwätz gehalten. Ein uralter Orden – älter als die Venra. Doch während wir uns für die Entstehung und Erforschung der Magie interessierten, sammelten sie Bücher über Hexerei, verbotene Formeln und schwarze Zauber. Und vor allem über… Chaosmagie.
Plötzlich begriff ich sein Interesse an mir. »Was für eine glückliche Fügung, dass eine Venra in die Taverne kam. Nein, dass gerade ich in eure Stadt gestolpert bin, nicht wahr?« Ich zielte auf Festigkeit in der Stimme. Doch sie brach an den Kanten.
Aric wurde blass, verwechselte mein Beben der Furcht mit Wut. Er hob seine Hände und die Laterne schwang in seinem Griff hin und her, hüllte seine Gesichtshälften abwechselnd in Licht und Schatten. »Ich… ich hatte nichts im Sinn, außer mit euch zu sprechen.«
Eine kleine Flamme wirbelte in meiner Handfläche auf. Funken sprühten und drohten die Regale zu erfassen, doch ich hielt das Feuer klein. Ich fixierte ein Porträt direkt hinter ihm, der Duft von Rauch lag schon in meiner Kehle und Asche auf meiner Zunge.
»Wie lange verfolgt ihr mich bereits?«
Einen Herzschlag lang starrte er mich nur an. »Was?«, hauchte er.
»Ich will wissen, wie lange ihr mich bereits verfolgt. Seit Hrotov? Oder länger?« Ich blinzelte wütend die Tränen weg, die mir in die Augen traten.
»Andrena, ich schwöre, ich habe euch nicht verfolgt. Ich wollte euch doch nur etwas zeigen… Mit meinem Orden kann ich nicht…« Arics Stimme brach. Die Flamme in meiner Hand blitzte in den Gläsern seiner Brille. Mit Panik in den dahinter liegenden Augen machte er einen wackligen Schritt zurück, als seine Knie unter ihm nachgaben und er zu Boden sackte. »Bitte… tut, was ihr glaubt, tun zu müssen. Aber bitte verschont zumindest die Bücher.«
Mein Blick fiel erneut auf das Porträt hinter ihm. Doch diesmal erkannte ich sie. Die junge Selira Thenay von vielleicht sechzehn Jahren. Viel zu oft hatte ich in Abbildungen dieser Augen geblickt, jeder andere hätte es womöglich übersehen. Sofort erlosch die Flamme in meiner Hand. Ich blickte auf den Mann herab. Er hatte den Kopf gesenkt und zitterte. Er kniete vor mir, als würde er auf seinen Henker warten.
Was tat ich hier bloß? Was, wenn er wirklich ehrlich war? Ich konnte doch nicht hunderte Bücher aufgrund meiner eigenen Unsicherheit niederbrennen. Meine Brust wurde eng und ich schloss für einen Herzschlag die Augen, als ich die Entscheidung traf. Ich sollte mit keinem anderen Orden zusammenarbeiten. Schon gar nicht mit diesem. Seit der großen Säuberung gab es keine Kooperationen mehr zwischen den Orden. Bei den Göttern, die Venra würden mich hierfür womöglich ins Exil schicken. Definitiv würden sie mir den Rang entziehen, wenn sie hiervon erfuhren – vielleicht Schlimmeres. Doch er wollte mir etwas zeigen. Selira hätte sich nicht von ihrer Angst leiten lassen, sondern von ihrem Wissensdurst.
Ich wog Vernunft gegen Wissen ab und atmete schwer ein. »Nun steht schon auf. Was wollt ihr mir zeigen?«
Er hob vorsichtig blinzelnd den Kopf. Und ich trat einen Schritt zurück, zog die Brauen ungeduldig hoch.
»Ein Archiv«, stammelte er, als er ungeschickt auf die Beine kam und die Laterne beinahe fallen ließ. »Ich trat dem Orden bei, um Zugang zur Bibliomagie zu bekommen und das Handwerk zu erlernen. Doch das Archiv kann ich ihnen nicht zeigen, sie würden es für ihre Zwecke nutzen und beschlagnahmen. Und mich… Wer weiß, was sie mit mir machen würden, wenn sie hiervon erfahren.«
Während die Worte seinen Mund verließen, eilte er zum anderen Ende des Raumes und entriegelte einen Nebenraum. Er schien gegen die Zeit zu arbeiten, als hätte er Angst, ich würde es mir anders überlegen und seine Buchhandlung dennoch niederbrennen.
»Warum seid ihr bereit, es einer Fremden zu zeigen?« Ich folgte ihm behutsam, legte den Kopf schief.
Seine Ohren liefen rot an. Mit einem kleinen Lächeln blickte er über die Schulter und verharrte mit einer Hand auf dem bronzenen Türknauf. »Ihr seid keine Fremde. Nicht wirklich. Ihr seid mein Idol, seit ich das erste Mal von euch hörte. Als ihr die Chaoszauber nach ihrer Intensität sortiert hattet. Ich werde nie vergessen, wie ihr geschrieben habt: ›Das Chaos ist weder gut noch böse – Chaos ist das, was nicht kontrolliert werden kann und nicht kontrolliert werden sollte.‹ Ich weiß, dass ihr es zu schätzen wisst, für das, was es ist.«
Meine Wangen wurden heiß. Ich erinnerte mich an diesen Artikel. Er war während meines Studiums der Arkanologie und praktischen Bibliomagie veröffentlicht worden. Damals war ich furchtbar naiv und idealistisch gewesen.
»Ich würde sie heute anders kategorisieren und auch das Chaos ist nicht ganz das, was ich dachte«, murmelte ich verlegen mehr zu mir selbst.
Das Lächeln, das an Arics Mundwinkeln gezupft hatte, wurde zu einem breiten Grinsen. »Dann würde ich mich freuen, wenn ihr mir alles darüber erzählt, während ihr am Objekt arbeitet.«
Er stemmte die Tür auf und eröffnete mir ein kleines Stück des Himmels. Der Raum war nicht groß, doch ich spürte die magische Präsenz in Wellen über meinen Körper ebben. Ihr Flüstern huschte durch meine Gedanken, zog mich zaghaft in den Raum. Ein massiver, schwarzer Schreibtisch bildete das Zentrum. Er war übersät mit kleinen Notizen und Pergamentrollen. Federkiele, die in Tintenfässchen steckten, umringt von Kerzen und Bücherstapeln. Dahinter erhob sich eine Feuerstelle, flankiert von zwei Alkoven, in denen dick gepolsterte Sessel thronten. Auf dem Holzboden lagen dicke, handgewebte Teppiche. Es roch nach trockenem Pergament, Tintenharz und ausgekühlter Glut. Und jeder freie Zentimeter der Wände war gesäumt von Bücherregalen.
Dicke Grimoires drückten sich darin an schmale Ratgeber der praktischen Magie, Kataloge verschiedener Portalzauber quetschten sich neben Erinnerungsleitfäden. Einige Bücher waren aufgestapelt in den Ecken, andere hinter Glasvitrinen versteckt. Sofort hielten sie meine Aufmerksamkeit gefangen. Was konnte hier so Wertvolles aufbewahrt werden? Mit offenem Mund begutachtete ich die enorme Anzahl an magischen Büchern in einem so gedrängten Raum.
Meine Lunge meldete, dass ich vergessen hatte vor Aufregung zu atmen, ich schloss die Augen und sog den Geruch ein. Asche. Lavendel. Trockenes Papier. Bittere Grimoires.
Und mein Herz schlug schneller. Ich trat an eine der Vitrinen heran und ließ meinen Blick über die offenen Seiten fliegen. Die Abwandlung der Rune der Beschwörung. Dann über einen Titel. Runen des Chaos. Über einen weiteren. Portale der Inferni.
»Sind das…?«, hauchte ich atemlos und fuhr zu Aric herum.
Dieser grinste und nickte. Das Feuer der Laterne flackerte in seinen Brillengläsern, als er sagte: »Die verbrannten Werke der Thenay. Sie wurden von meiner Familie gerettet. Dürfte ich mich erneut vorstellen? Aric Korthlan. Meine Großmutter war eine Thenay. Nach der Säuberung nahmen wir einen anderen Namen an. Ich bin der Ururenkel Seliras.«
»Nein.« Ungläubig starrte ich ihn an.
»Durchaus.« Er trat an mir vorbei zum Schreibtisch und öffnete eine Schublade. »Ich hätte hier einen Stammbaum, solltet ihr einen Nachweis benötigen.«
Ich schüttelte meinen Kopf und trat an die andere Seite des Tisches. Die Hand vor mir ausgestreckt, setzte ich ein sanftes Lächeln auf und ungeachtet der unvermeidbaren Konsequenzen verließen die Worte meinen Mund: »Aric Korthlan. Ich fürchte, das ist der Beginn einer wunderbaren Zusammenarbeit.«
Bild: Norbert Tóth
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