Es beginnt mit einer Kiste. Und einem Brief, den sie nie geschrieben hat – in ihrer eigenen Handschrift.

In der heutigen Prompt geht es darum, was unter der Oberfläche schlummert. Oder in einer Kiste?


Eine Frau zieht um. Beim Auspacken findet sie in einem Karton Briefe – an sie, in ihrer Handschrift, die sie nicht geschrieben hat.

In dieser Szene geht es um das Unheimliche im Alltäglichen. Darum, wie leicht sich Realität verschiebt, wenn die Vergangenheit eine Stimme findet, die der eigenen gleicht.

Es ist eine Geschichte über Flucht, über Angst – und über Warnungen, die zu spät kommen könnten.

Lies sie nicht, wenn du Ruhe suchst.
Sondern wenn du bereit bist, sie zu verlieren.

🖋️ Szene: Der Umzug

Ich schleifte die letzte Kiste ins Wohnzimmer und ließ mich neben sie auf den Boden fallen. Ich hasste Umzüge, war froh, wenn ich endlich alles ausgepackt hatte. 

Das Cuttermesser war auf dem Küchentisch, den ich heute Mittag bereits aufgebaut hatte. Das Licht kam aus einer Baustellenlampe, sie flackerte. Diese würde ich als erstes ersetzen müssen. Das war unheimlich. Ich schnappte mir das Messer, ging zurück zu den Kisten und riss damit den ersten Karton auf. 

Bücher. 

Ich hatte sie bereits nach Genre und Autor sortiert, ein Glück. Ich hob eins nach dem anderen aus der Kiste und stapelte sie im Regal.

Es war unglaublich ruhig in meiner neuen Wohnung. Keine knackenden Dielen. Keine rumorende Heizung. Nicht mal die Wasserrohre machten einen Mucks. War das wirklich so in einem Neubau? Ich zweifelte an meiner Entscheidung umzuziehen. Auch wenn sie nötig war. Meine Gedanken zuckten zurück, ich konnte sie nur für eine Sekunde nicht bremsen. Zuckten zu ihm, wie ich feige weggelaufen bin.

Ich packte aus. Begleitet vom dumpfen Geräusch, der Bücher im Regal. Nur die Lampe surrte laut. Ich konnte die Glühbirne hören, dieses Sirren. Ich versuchte es zu ignorieren. Mich zu beeilen.

Ungeschickt nahm ich einen ganzen Stapel aus der Kiste, wollte Zeit sparen. Doch der ganze Turm brach in meinen Händen auseinander. Viel laut klappernd zu Boden. Mein Herz rutschte mir in die Hose. Panisch begann ich sie aufzusammeln. Begutachtete sie. Keine Schäden, aber … Aus einem der Bücher ragte etwas heraus.

Ich zog daran. Ein Brief. 

Ich betrachtete ihn.

Noch nie gesehen. Wer hatte ihn hier reingesteckt?

Das Papier knisterte, es hatte schon tiefe Furchen, drohte auseinander zu reißen, wenn ich unvorsichtig war. Er musste unzählige Male gefaltet worden sein.

Der Text war kurz. Nahm kaum ein Drittel der Seite ein.

Als ich ihn lesen wollte stockte ich. Das Blut begann laut in meinen Ohren zu rauschen. 

Das war … das war absolut unmöglich.

Das war meine Handschrift.

Sarah,

Ich freue mich, dass du so glücklich bist. Dass der Umzug reibungslos geklappt hat. Dass du dein Traumhaus gefunden hast. Dass du ausbrechen konntest.

Wirklich. Ich will, dass du glücklich bist. Du hast es verdient. Mehr als jeder andere.

Aber pack die Kiste wieder. Das ist nicht der richtige Ort. 

Zieh um. Halt nicht daran fest, es schadet dir nur. 

Dieses Haus … es ist nicht das richtige. Glaub mir bitte. Es wird dich ruinieren. 

Wenn du jetzt gehst, dann kannst du vielleicht noch etwas ändern! 

Bitte hör auf mich. Bitte vertrau mir. Bitte vertrau dir.

In Liebe

Sarah

Sarah? Hatte ich mir diesen Brief selbst geschrieben? Ich konnte mich nicht erinnern.

Ich sah auf. Welches Haus? Dieses Haus? Ich hatte es gekauft in der Hoffnung auf einen Neuanfang. Es würde … es würde mich nicht ruinieren? Das war albern. 

Jemand erlaubte sich einen schlechten Scherz mit mir. Ich schüttelte den Kopf, zerknüllte den Brief und macht mich daran, die Bücher weiter auszupacken. 

Ich begann zu summen. Mich abzulenken. Ein altes Kinderlied. Keine Ahnung, wieso ich gerade daran dachte.

Ich beugte mich über die Kiste, zog den nächsten Stapel nach oben.

Doch ein weiteres Stück Papier ragte aus einem Buch. Ich ließ sie alle fallen.

Angst überkam mich. Doch die Neugier gewann.

Sarah,

Ich weiß, du glaubst mir nicht. Aber das solltest du.

Deine Sicherheit liegt mir am Herzen. Mehr nicht. 

Bitte glaub mir!

Die Briefe zu zerknüllen, bringt nichts. Es ändert rein gar nichts.

Geh. Geh jetzt.

In Liebe

Sarah

Meine Kehle schnürte sich zusammen.

Was sollte das?

Wie konnte jemand meine Handschrift so perfekt kopieren? Sogar die Striche, die ich manchmal machte, wenn das meine Buchstaben zu nah aneinander rückten und miteinander zu verschmelzen drohten. Oder die kleinen Punkte auf dem i, die am Anfang jedes Textes noch sorgfältig gesetzt wurden. Und später willkürlich ihren Platz fanden.

Wenn ich es nicht besser wüsste … Nein.

Ich zerknüllte diesen Brief ebenfalls.

So ein Blödsinn.

Das war doch lächerlich. Es musste ein Zufall sein. Gut geraten, natürlich würde ich den Brief zerknüllen. Das war nicht weit hergeholt. Nur gut gefolgert.

Doch mein Herz hörte nicht auf zu rasen.

Ich riss die Bücher aus der Kiste. Schüttelte sie.

Mehrere Briefe fielen heraus.

Aus einigen mehrere, aus manchen keine.

Das konnte nicht sein. Sie waren nicht echt. 

Ich musste wahnsinnig sein. Ich hatte sie nie geschrieben!

Und trotzdem riss ich den ersten hastig auseinander.

Sarah,

Dir bleibt nicht viel Zeit. Vertrau mir. Ich habe keine Zeit für Erklärungen.

Ruf jemand an.

Lauf.

Irgendwas.

In Liebe

Sarah

Wieder meine Handschrift, wieder eine Drohung. Nein, eine Warnung.

Mein Mund war trocken, mein Gesicht heiß.

Dann den nächsten.

Sarah,

Hör auf zu lesen! Verstehst du denn nicht?!

Die Zeit drängt. Du musst sofort das Haus verlassen.

Er ist da.

In Liebe

Sarah

Angst kroch durch meine Adern. Schweiß legte sich wie ein Film auf meine Haut und ein dunkler Filter über meine Augen. 

Er?

Blödsinn.

Oder konnte das … Niemals, er wusste nicht, wohin ich gezogen war. Er konnte keine Ahnung haben. Ich hatte so schnell es ging gepackt, war abgehauen. Hab das Haus heimlich gekauft. Alles war wasserdicht. Ich hatte dafür gesorgt. Keine Kosten und Mühe gescheut. Ich hatte einen Anwalt. Nur verlässliche Leute. Eine Firma von außen. Keine Freunde. Keine Bekannten. Nicht mal Familie. 

Noch wusste niemand wo ich war. Keine Menschenseele.

Draußen knackte etwas und ich fuhr zusammen.

Verdammte scheiße, Sarah das war nur der Wind. Ich war paranoid.

Zitternd griff ich nach dem nächsten Brief, ich riss eine Kante ein.

Es war nur noch ein einziger Satz. 

Nein nur ein einziger Satz:

KEIN BLÖDSINN

LAUF

Es knackt wieder. Ich zuckte zusammen, ließ den Brief fallen. Ich unterdrückte einen Schrei.

Das Knacken kam nicht von draußen. Das war hier.

Es war im Keller.

Und ich lief.

Um mein Leben.

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Bild: Olga Vilkha

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