Zu diesem Prompt hat mich eine Ausschreibung inspiriert. Ich nehme zwar – Stand jetzt – nicht teil, doch ein kleiner Funke ist direkt entstanden, als ich eine andere Einreichung korrekturgelesen habe. Die Prompt diese Woche orientiert sich an meiner Geschichte – nicht an der Ausschreibung – und lautet:

Jemand zeigt dir eine Aufnahme, an die du dich nicht erinnerst.

🖋️ Szene: Unregelmäßigkeiten

Das Tropfen des schmelzenden Schnees lenkte meine Aufmerksamkeit zum Fenster. Ich legte mein Buch nieder und stand behutsam von meinem Stuhl auf, um näher zu treten. In einem perfekten Rhythmus fielen die Tropfen auf die Pflastersteine meiner Terrasse, die sich von meinem Küchenfenster ausbreiteten. Ich beugte mich über die Spüle und beobachtete, wie sie immer wieder auf die selbe Stelle fielen. Dort hatte sich schon eine Kuhle im Schnee gebildet. Etwas daran beruhigte mich. Nicht das gleichmäßige Geräusch oder die meditative Kulisse meines Gartens. Nein.
Endlich wird es Frühling, dachte ich und wandte mich mit einem Lächeln ab. Ich wollte mich wieder meinem Buch zuwenden, als es sanft an die Tür klopfte.
Kein Gedanke daran, wer es sein könnte, durchquerte meinen Kopf. Ich eilte einfach mechanisch zur Tür, drückte die Klinge herunter, ohne dort zu verharren und riss sie auf. Das Lächeln von eben war noch auf mein Gesicht gemalt. Auch als ich die große Frau in der Tür musterte – ich sie nicht erkannte.
»Ja?«, fragte ich mit einem warmen Ton in der Stimme.
Die Frau sah mich prüfend an und zog die Augenbrauen zusammen. »Sind Sie Amalia?«
Ich nickte. »Wie kann ich Ihnen helfen?« Meine Worte wurden begleitet vom Plätschern des schmelzenden Schnees. Kurz zuckten meine Augen hinter die Frau und fixierten das Wasser, das vom Vordach hinunterlief. Es war ziemlich schnell warm geworden, dachte ich, ehe ich zurück zu der Frau sah.
Sie hatte noch nicht geantwortet. Es war als würde sie mit Ihren eigenen Worten kämpfen.
Das Lächeln auf meinem Gesicht begann an den Rändern auszufransen. »Woher kennen Sie meinen Namen? Was wollen Sie hier?«
Sie schluckte, ihr Kiefermuskel spannte sich kurz an und sie rieb sich mit einer behandschuhten Hand über den Nacken. Ihre Kleidung hatte ich zuvor nicht beachtet. Sie war in einen langen, schweren, marineblauen Mantel gehüllt und trug schwarze Lederhandschuhe. Die Schuhspitzen, die unter dem Mantel hervorlugten, waren glänzend poliert, eine kleine Salzkruste bildete sich dennoch über der Sohle.
Noch während ich mit den Augen hinauf zu ihrer Frisur wanderte, räusperte sie sich. »Das wird sich jetzt komisch anhören, aber … « Sie hielt inne und biss sich auf die Unterlippe.
»Was?«, fragte ich ungeduldig. Ich überlegte, ob ich ihr einfach die Tür vor der Nase zuschlagen sollte. Was würde so eine Frau schon von mir wollen. Wahrscheinlich etwas verkaufen, aber so wie sie sich anstellte, handelte es sich um ihren ersten Verkauf – jemals. Ungeduldig presste ich meine Backenzähne aufeinander.
»Sie werden beobachtet.« Mit einem Stöhnen schlug sich die Frau eine Hand auf die Augen. Sichtlich von ihren eigenen Worte genervt.
Ich unterdrückte ein Lachen. Nicht erfolgreich. »Ach ja? Von wem denn? Von Ihnen?«
»Nein,« gab sie ungehalten zu. »Wobei… auch. Könnte ich bitte hereinkommen? Dieses Gespräch wäre drinnen, deutlich einfacher zu führen.«
Meine unordentliche Küche kam mir in den Sinn. Doch ich verbannte den Gedanken. »Nun, diese Erklärung würde ich gerne hören.« Ich trat einen Schritt zurück und bedeutete der Frau einzutreten.
Überrascht weiteten sich ihre Augen und sie trat mit einem großen Schritt durch die Tür.
Ich hingegen runzelte die Stirn, als ich eben diese hinter ihr verschloss. Hatte sie nicht um Einlass gebeten? Warum war sie überrascht, dass ich ihn gewährte?
Mein Mund öffnete sich, um ihr eine Frage zu stellen, während ich zu ihr herumfuhr, doch sie unterbrach mich unsanft. »Es gab Unregelmäßigkeiten.«
»Unregelmäßigkeiten? Welcher Art?«, fragte ich unbekümmert, als ich mit der Hand den Flur entlang in die Küche deutete.
Die Frau nickte ungeduldig und ging in die Küche. Ihre Schuhe hinterließen kleine Pfützen auf meinen beigen Fliesen und ich notierte mir geistig den Wischroboter gleich hierherzuschicken, sobald sie weg war. Stumm folgte ich ihr und ließ mich auf einem Stuhl nieder. Die Frau nahm mir gegenüber Platz und faltete die Hände zwischen uns auf dem Tisch.
»Amalia«, begann sie. »Sie haben sicherlich mitbekommen, dass eine Verstaatlichung der persönlichen zum Schutze ihrer Daten stattgefunden hat?«
Ich erinnerte mich und nickte. Ich hatte es in den Nachrichten gesehen. Alle Daten meiner privaten Geräte wurden nun verschlüsselt vom Staat gespeichert.
»Dabei ist es zu Unregelmäßigkeiten gekommen«, wiederholte die Frau an meinem Küchentisch. Ich sah an ihr vorbei aus meinem Fenster.
»Ich habe Sie beim ersten Mal bereits gehört. Aber was bedeutet das? Und wer zur Hölle sind Sie überhaupt?«
Die Frau zögerte. Ihre Finger zuckte leicht auf meinem Tisch, ehe sie einen Knopf an ihrem Mantel öffnete und in die Innentasche griff.
Instinktiv zuckte ich zurück, als sie ihren Dienstausweis auf den Tisch klatschte. Er sagte mir absolut nichts. Nur das Wappen der Regierung erkannte ich und legte den Kopf schief. Agentin Melissa Schwarz.
»Jemand hat Ihre Aufzeichnungen im System kopiert. Ihre Kamerageräte, Mikrofone, Smartgeräte. Es ist nicht nachvollziehbar, von wo. Nur, dass es nicht von einer offiziellen Stelle kommt.«
Ich schüttelte langsam meinen Kopf. »Gut, ich habe nichts zu verbergen. Ich bin Hausfrau. Ehe sie kamen hab ich gelesen und wollte später einen Kuchen backen zum Abendessen. Wissen Sie es ist Freitag …« Der Satz blieb unvollendet in der Luft hängen, als die Frau ganz langsam begann ihren Kopf von links nach rechts zu wiegen.
»Das ist nicht der Punkt.« Sie lehnte sich zu mir vor und senkte die Stimme. »Die Aufzeichnungen zeigen, Dinge, die nicht aufgezeichnet wurden.«
Verwirrt runzelte ich meine Stirn. »Wie meinen Sie das, Frau Schwarz?«
Bei der Erwähnung ihres Namens zuckte ihre rechte Augenbraue. Unwillkürlich fragte ich mich, ob ihr echter Name auf dem Ausweis stand. »Sie schlafen auf dem Sofa ein – letzten Monat, Mittwoch 15. Januar. Doch im nächsten Moment stehen sie dort am Fenster.« Sie deutete hinter sich. »Und sie sehen hinaus und sprechen mit jemandem. Doch es ist niemand da.«
Mir wurde kalt. Dann lachte ich freudlos auf. »Das ist doch absurd, wahrscheinlich war mein Mann…«
Sie unterbrach mich. »Es ist nicht absurd. Es geschieht.«
Ich biss mir auf die Unterlippe und schwieg. Ich hörte die Wassertropfen gegen das Fensterbrett schlagen auf das sie immer noch zeigte. Ihre Brust hob und senkte sich schnell.
»Wo ist ihr Mann, Amalia?«, fragte sie.
»Er ist…« Ich kniff die Augen zusammen und überlegte. Doch es wollte mir nicht einfallen. Welcher Tag war heute? War er heute Morgen zur Arbeit gefahren? Moment, Freitag. Ich hatte eben gesagt es wäre Freitag. »Bei der Arbeit.«
»Sind sie sich sicher? Es ist überhaupt nicht Freitag. Es ist Sonntag nachmittag.«
Schweigen legte sich über uns. Es fühlte sich an, als wäre der Raum plötzlich mit Wasser gefüllt. Druck legte sich auf meine Ohren und ich hörte mein Blut in den Ohren rauschen. Ich starrte wieder zum Fenster.
»Wer beobachtet mich?«, flüsterte ich Melissa Schwarz zu ohne sie anzusehen. Ich beobachtete die fallenden Tropfen. Einen nach dem anderen. Völlig ungerührt fuhren sie fort.
»Früher, da nannten wir sie die Schatten.«

Bild: Maxim Hopman

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