Es war Mittwochnachmittag und ich hatte selbst überhaupt keinen blassen Schimmer, wie ich meine eigene Geschichte weiterschreiben sollte. Bis sich ein Drama am Nebentisch ereignete, das diese Geschichte inspiriert hat.

In der heutigen Prompt geht es darum, was um uns herum für Inspirationen lautern. Und ob wir diese nutzen oder aussperren.



Deine Protagonistin sitzt in einem Café. Sie will nur einen ruhigen Morgen – bis ihr Ex plötzlich auftaucht und sich an ihren Tisch setzt, als wäre nichts gewesen


Manchmal sitzen Geschichten direkt neben dir. Und manchmal reicht es, gut zuzuhören. Diese Szene hat sich in mein Notizbuch geschlichen. Und sie hat mir gezeigt, warum ich schreibe.

🖋️ Szene: Der Café-Moment

Die Siebträgermaschine surrte wie ein Raumschiff hinter dem Tresen, als ich am Montagmorgen im Café saß. Eine Hand voll Leute hatte sich im Raum verteilt und genoss ebenfalls die ersten Sonnenstrahlen des Tages durch die bodentiefen Fenster. Gelegentlich klirrte eine Gabel gegen Porzellan oder eine Tasse wurde unsanft auf den Tisch gestellt. Am lautesten waren wahrscheinlich meine Tastenanschläge.
500 Anschläge pro Minute an guten Tagen, darauf war ich schon ziemlich stolz.
Ich saugte die Gerüche nach frisch gemahlenem Kaffee und Kuchen auf. Doch heute fehlte mir die Inspiration etwas zu schreiben. Ich starrte auf meinen Laptop, wartete darauf, dass die Worte von selbst erschienen, als sich neben mir Bewegung in mein Sichtfeld schob. Mein Zeigefinger schwebte gerade über dem Trackpad, als ich sie leise sprechen hörte.
»Was willst du hier, Alex?«
Der Name ließ mich unwillkürlich aufhorchen. Irgendwas an der Art, wie sie ihn sagte. War das Wut? Trauer? Nein, sie war müde. Gar erschöpft.
»Ich hatte dich durch die Scheibe gesehen und wollte mit dir sprechen.«
»Es gibt absolut nichts mehr zu besprechen.«
Neugierig drehte ich mich Millimeter für Millimeter Richtung Nachbartisch.
Eine blonde junge Frau saß vor einem aufgeschlagenen Buch, eine Matcha Latte stand neben dem Buch und ein frisches Croissant lag auf einem Teller. Vor ihr hatte sich ein Mann aufgebaut. Dunkle Haare. Helle Augen, sein Profil war markant. Sie schien sich so weit wie möglich von ihm wegzulehnen, als würde sie am liebsten mit dem Polster der Sitzbank verschmelzen
»Komm schon, Gem.«
»Nein. Lass mich in Ruhe.« Sie griff nach ihrem Buch und ignorierte ihn.
Ich nahm die Finger von den Tasten. Das Gespräch klang, wie der Anfang einer Szene, die ich nicht hätte besser schreiben können.
Vielleicht war es die Geschichte, die noch zu meiner werden konnte. Ich spitzte die Ohren und schluckte mein Schamgefühl herunter.
»Ich will es dir erklären, darf ich mich setzen?« Ein Stuhl scharrte über den Boden. Er hatte ihre Antwort nicht abgewartet.
»Du verhältst dich, als wäre nichts passiert. Du tust so als wäre nichts gewesen. Wir haben uns vor Wochen getrennt und jetzt willst du noch etwas erklären?« Ihre Stimme stolperte über ihre eigene Entrüstung. Während sie lauter wurde, wurde es im Café noch leiser.
Das war unangenehm. Bitte macht unbedingt weiter! Und gebt mir mehr Kontext, lass ihn erklären, Gemma.
Ich lehnte mich vor und kramte nach meinem Notizbuch. Was hatte er wohl angestellt? Das falsche Bild auf Instagram geliket? Oder hatte er ihr etwas verheimlicht? Oder sie ihm? Hatte er sie betrogen?
»Ich hab dich ja nicht zu Gesicht bekommen.« Alex lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Legte lässig seinen Arm über die Lehne.
»Weil ich dir aus dem Weg gegangen bin. Gehe. Nachwievor. Präsenz.«
Er seufzte. Ich drehte mich noch ein Stück weiter zu ihnen.
»Gem, ich wollte das alles nicht wirklich.«
Gemma war blass geworden. Ihre Nasenflügel bebten.
»Du wolltest es nicht? Alex, du hast mich mit meiner besten Freundin betrogen.«
Bingo. Ich hatte es geahnt. Arme Gemma. Jetzt, wo ich sie so sah, würde ich ihr gern beistehen. Vielleicht hätte ich mich sogar gerne geirrt, wenn er doch nicht so verdammt klischeehaft wäre.
Alex schüttelte langsam den Kopf. »So war das nicht-«
Ein Geräusch ließ mich zum Tresen herumfahren. Die Barista hatte eine Tasse fallen lassen und war knallrot angelaufen. Sie schien auch zu lauschen. Mit gesenktem Blick polierte sie die Untertasse. Als würde sie das jeden Tag tun.
Das wurde auch Gemma bewusst, sie wickelte ihr Croissant in eine Serviette, stopfte es mit ihrem Buch hektisch in die Tasche und machte sich daran ihren Matcha so schnell wie möglich herunterzukippen.
»Gem, jetzt lass mich doch mal erklären. Emilia und ich hatten nichts miteinander.«
»Ach ja?« Gemma knallte ihr leeres Glas auf den Tisch. Das Geräusch ließ Alex zusammenzucken. »Warum erzählt sie mir das dann? Sie war meine beste Freundin.»
Ihre Hand klammerte sich zitternd an das Glas. Als würde es ihr Halt geben, den sie dringend brauchte. Ihr Atem schien flach zu gehen und ihre Augen waren geweitet. Ich wusste nicht, ob sie anfangen würde zu schreien oder zu weinen.
Die Notizen flossen nur so durch meine Feder aufs Papier. Die Szene lebte, ich dichtete ihr noch fleckige Wangen an und ihm eine blasse Nase. Seine Augen sahen flehend zu Gemma, zumindest in meiner Vorstellung.
»Ich weiß es nicht. Keine Ahnung, was sie sich davon versprochen hat. Aber es stimmt nicht. Ich versichere es dir, Gem.« Er beugte sich zu ihr, wollte ihre Hand nehmen.
Doch sie zog sie weg.
»Und was mit den Nachrichten?«
Jetzt wich er zurück. Ah, natürlich, die Nachrichten. Emilia hatte sie ihr natürlich gezeigt.
»Welche Nachrichten meinst du?« Alex Stimme zitterte. Ganz leicht. Aber wenn ich es hörte, dann auch Gemma.
»Sie hat mir alles gezeigt. Alles. Screenshots, Verläufe. Das ging wochenlang, Alex. Bitte … bitte geh einfach. Lass mich-«
»Das muss fake sein, ich hab … ich hab nie-«
Gemma riss ihre Tasche vom Boden und stand auf. »Bitte hör doch einmal auf zu lügen! Alex, steh doch dazu. Wenn du sie doch so attraktiv fandest, und so viel besser als Gemma. Dann steh doch einfach dazu. Warum ist das so schwer?«
Alex schluckte laut. »Warum glaubst du mir nicht?«
»Vielleicht, weil du das erste Mal mit mir versuchst zu reden? Glaubst du, ich bin blöd? Ich weiß, dass ihr euch getrennt habt. Oder was auch immer ihr da hattet. Es ist vorbei, ich weiß es. Und jetzt kommst du an? Wie erbärmlich, Alex.«
Zeig’s ihm, Gemma. Stolz neigte ich den Kopf zur Seite und musterte sie. Sie hatte einen trotzigen Gesichtsausdruck, presste ihre Lippen aufeinander und ihre Atmung ging ruhiger. Der Griff fest um die Tasche geschlungen. Doch sie wartete. Wartete auf eine Reaktion von ihm.
Bekam keine.
Alex saß einfach nur da. Den Blick auf sie gerichtet. Den Mund geschlossen.
Dann schnaubte Gemma und stürmte aus dem Café. Ich sah ihr durch das Fenster nach. Ihr Haar glänzte in der Sonne, wippte bei jedem Schritt hin und her.
Alex blieb sitzen. Starrte auf den leeren Platz vor sich.
»Scheiße«, murmelte er. Seufzte. Dann richtete er sich langsam auf. Drehte sich um und verließ ebenfalls das Lokal.
Und ich sah zufrieden in meinen Laptop. Das nächste Kapitel schrieb sich wie von selbst.

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Bild: Nathan Dumlao

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