
Die Idee zur heutigen Prompt kam mir, als ich etwas auf Social Media gepostet hatte und mich schrecklich ignoriert gefühlt habe. Als würde ich in einen luftleeren Raum schreien, aber man kann mich weder sehen noch hören.
In der heutigen Prompt geht es nicht nur darum eine Szene zu schreiben, sondern auch mit Einschränkungen umzugehen:
Eine Figur wacht am nächsten Morgen in einer Welt auf, die äußerlich unverändert scheint – aber kein Mensch spricht mehr mit ihr.
Herausforderung: ein innerer Monolog. Keine Rückblenden. Keine Erklärungen.
Kein Wort über das Warum – nur Handeln, Bewegung, Schweigen. Die Spannung liegt in der Lücke.
Diesmal war der Kniff für mich nicht, was ich erzählen will, sondern was ich alles nicht darf. Kein Rückgriff, nur über das Verhalten. Die klassische Show-don’t-tell-Regel. Und eine Welt, die zwar noch da ist, aber dir nicht mehr antwortet. Was, wenn selbst der Alltag sich plötzlich von dir abwendet?
🖋️ Szene: Das Schweigen
Es schien nicht mehr zu regnen, als sie die Augen öffnet. Es war still in ihrer Wohnung. Sie zog die Decke zurück und setzte sich auf. Rieb sich die Augen, hatte schlecht geschlafen aufgrund des Sturms. Doch sie zögerte nicht und setzte sich in Bewegung.
Zähne, Make-up, Tasche. Sie funktionierte. Wie immer. Sie machte sich bereit aus der Tür zu treten. Vorher griff sie nach ihrem Kalender. Ein Filofax mit braunem Ledereinband. Ohne verließ sie nicht das Haus. Sie schob ihn in ihre schwarze Tasche, warf sich eine Jacke über, schloss die Tür auf und trat in den Flur.
Ihre Nachbarin war gerade dabei die Tür gegenüber zu verschließen. Als sie sie hörte, zuckte sie zusammen. Sie würdigte sie keines Blickes und eilte den Flur hinab. Ihre Schritte klangen anders als sonst. Hektischer, schneller. Auch leiser.
Vermutlich hatte sie es eilig. Sie schob ihren eigenen Schlüssel in die Tür und verschloss diese.
Draußen war es noch kühl. Der Asphalt spiegelte feucht den Himmel, Wasser benetzte die Bäume, regnete rhythmisch herab, während sie durch die Straße schritt. Die Sonne schob sich zaghaft durch die Zweige, brach in flackernden Streifen auf die Pfützen, ließ die Blätter in flüchtigem Glanz erzittern.
Ihr hingegen war kalt. Trotz Sonne. Trotz Jacke.
Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass genug Zeit war sich etwas zum Frühstücken zu besorgen. Routiniert ging sie zu einer Bäckerei an der Straßenecke. Sie war gut besucht. Wie jeden Morgen diese Woche. Zwei ältere Damen standen vor ihr in der Schlange, tuschelten. Die kleinen Tische im Außenbereich waren voll besetzt. Ein junger Mann hatte eine Zeitung aufgeschlagen und blickte verärgert auf die Tropfen, die das Papier durchweichten.
»Guten Morgen«, grüßte sie leise.
Kein Kopf fuhr zu ihr herum. Niemand grüßte sie, niemand reagierte. Vermutlich hatte sie zu leise gesprochen.
Sie räusperte sich. Trat an den Tresen. »Guten Morgen.«
Keine Antwort.
Gut. Dann nicht. »Ich hätte gerne ein Blaubeer-Muffin und einen schwarzen Kaffee. Vielen Dank.«
Die Verkäuferin sah sie an. Nein. Das stimmte nicht. Sie sah durch sie hindurch. Sie drehte sich um. Ein untersetzter Mann im Anzug stand direkt hinter ihr. Er erwiderte den Blick der Verkäuferin.
»Einen Americano bitte. Zum Mitnehmen.«
Die Verkäuferin nickte. »Sehr gerne.« Dann drehte sie sich zur Kaffeemaschine und begann mit der Zubereitung.
Sie versuchte es erneut. »Ich hätte gerne einen Blaubeeren-Muffin.« Etwas lauter.
Niemand rührte sich. Die Kaffeemaschine brummte, die braune Flüssigkeit tropfte in den Pappbecher. Die Passanten unterhielten sich. Einige Jugendliche lachten im Vorbeigehen.
Doch sie gab nicht auf. »Einen schwarzen Kaffee, bitte!« Sie schrie nun.
Es schien ihr, als hätte eine junge Frau am Tisch neben ihr gezuckt. Zeigte jedoch keine Reaktion. Ebenso wie die Verkäuferin.
Sie presste die Lippen aufeinander, drehte sich abrupt um und streifte in der Eile die Schulter des untersetzten Mannes. Dieser schien es nicht zu bemerken. Dann war sie draußen. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Kein Kopf war herumgefahren, niemand hatte sich umgedreht.
Sie zog ihr Handy aus einem Seitenfach ihrer Tasche. Öffnete ihre Kontakte, wählte die erste Nummer in den Favoriten.
Es klingelte.
Und klingelte.
Und klingelte.
Keiner hob ab.
Sie riss sich das Handy vom Ohr, stieß zischend die Luft zwischen ihren Zähnen aus. Legte energisch auf und pfefferte es in ihre Tasche. Dann setzte sie sich hungrig in Bewegung.
Nach einigen Metern hielt sie vor einem Supermarkt inne. Sie lugte ins Innere. Beobachtete die Kunden. Es gab eine Selbstbedienung. Kurzentschlossen passierte sie die automatische Schiebetür, eilte zielsicher durch die Gänge und schnappt sich eine Packung fertiger Muffins. Von sich selbst angewidert betrachtete sie die matschigen Blaubeeren im Teig, doch machte sich auf den Weg zur Kasse.
Ein junger Mann kam ihr entgegen. Dunkler Pulli, dunkle Hose, dunkle Haare. Ihre Schritte stockten einen Herzschlag lang. Als würde sie bemerken, wie eng der Gang war. Dann steuerte sie auf ihn zu. Direkt auf ihn. Und rammte seine Schulter.
»Entschuldigen Sie bitte.« Sie blieb stehen. Warte auf eine Reaktion. Der junge Mann taumelte leicht gegen das Regal. Doch lief weiter. Als wäre nichts gewesen. Sah sich nicht um, öffnet nicht den Mund. Zuckte nicht einmal mit einer Wimper.
Sie jedoch drehte nun ihren gesamten Oberkörper in seine Richtung. »Was ist los mit Ihnen?!«
Keine Reaktion, nur seine leisen, dumpfe Schritte auf altem Linoleum.
Sie starrte ihm nach, bis er hinter einem Regal verschwand.
Sie stand da. Mitten unter ihnen. Und niemand bemerkte es.
Benommen schüttelte sie dem Kopf, warf einen Blick auf die Uhr. Eilte zur Kasse. Scannte ihre Muffins. Legte ihre Karte auf das Lesegerät.
Abgelehnt.
Sie probierte eine weitere Karte.
Abgelehnt.
Sie zückte ihr Handy. Versuchte es damit.
Abgelehnt.
Entrüstet drückte sie auf die Klingel auf dem Display. Wartete auf einen Mitarbeiter der Filiale.
Eine Minute verging. Dann eine weitere. Sie drückte erneut auf die Klingel. Fünf Minuten vergingen. Niemand kam.
Sie biss die Zähne zusammen und verließ die Filiale. Ohne Frühstück. Mit Groll im Magen.
Draußen hatte es begonnen leicht zu nieseln. Sie schlug den Kragen ihrer Jacke um und zog sie fest um sich. Die Straße hatte sich bereits gut gefüllt, sie hatte zu viel Zeit verschwendet. Mit schnellen Schritten glitt sie über das Kopfsteinpflaster. Ihrem Ziel immer näher. Menschen eilten um sie herum, sie rempelte einige Schultern an, doch entschuldigte sich kein weiteres Mal.
Und niemand entschuldigte sich bei ihr.
Eine weitere Schulter rammte sie. Sie taumelte einen Schritt zur Seite.
Sie schien es jedoch nicht zu spüren. Sie blinzelte. Blieb stehen. Tastete nach ihrer Schulter. Sie konnte nichts Ungewöhnliches feststellen, sie fühlte sich normal an.
Menschen gingen links und rechts von ihr vorbei, sie griff nach ihnen. Wurde immer unruhiger, hektischer.
Dann bemerkte sie einen Reflexion. Einen kurzen Lichtblitz zu ihrer Rechten. Sie hatte vor einem Optiker gehalten. Ein Spiegel.
Sie presste sich zwischen den Passanten hindurch. Zum Spiegel nur wenige Schritte, doch Mäntel und Schirme versperrten ihr die Sicht und den Weg.
Dann stieß sie sich durch das Gewimmel.
Sah hinein.
Und es blickte zurück.
Was denkt ihr, hat sie im Spiegel gesehen?
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Bild: Andy Li
