
Manchmal reicht ein einziger Gegenstand, um eine Szene zum Einsturz zu bringen. Diese Woche war es eine Gabel.
Der heutigen Prompt dreht sich um unscheinbare Details mit großer Wirkung:
Die Gabel, die nicht fällt.
Eine Szene, in der nichts passiert – aber alles kippt.
Was passiert, wenn nichts passiert?
In meine Szene geht es um zwei Menschen, die sich nichts zu sagen haben. Kennt ihr das? Wenn die Worte auf der Zunge liegen, aber man weiß, dass das Gewicht des Ausgesprochenen zu schwer wäre? Darum geht es hier:
🖋️ Szene: Die Gabel
Die Kerze flackerte auf Augenhöhe zwischen uns, als ich sah, wie sie das erste Mal zur Anrichte blickte. Sie hatte sich auf ihrem Stuhl knarzend niedergelassen und starrte auf etwas. Ich folgte ihrem Blick nicht, ich nahm mein Glas. Rotwein. Ich hasste ihn, er war trocken und schmeckte nach Kork.
Das Essen hingegen duftete tatsächlich himmlisch. Zur Abwechslung. Unförmige Pasta – sie schien sie selbstgemacht zu haben. Frischer Salat – die Vinaigrette, die ich so gerne mochte, glitzerte auf dem Mozzarella. Und im Ofen konnte ich einen Kuchen riechen.
Doch ich sagte nichts. »Wie war dein Tag?«, fragte ich stattdessen.
»Gut.« Sie warf mir ein kurzes Lächeln zu.
Ich nickte, nahm einen weiteren Schluck Wein, während sie mir Essen auf den Teller lud. Zu wenig wie immer.
»Und deiner?« Sie rückte ihren Stuhl an den Tisch, scharrte dabei laut übers Parkett. Wahrscheinlich ein weiterer Kratzer im Boden.
Ich öffnete den Mund um etwas zu erwidern, doch ihr Blick stahl sich wieder zur Anrichte. Ich presste die Lippen aufeinander. Ich zwang sie nicht mit mir zu Abend zu essen, wenn sie besseres zu tun hatte. »Auch gut.« Die Worte kamen gepresst aus meinem Mund. Und gelogen.
»Ah, schön.« Ihr Besteck kratzte über den Teller, als sie eine zu groß geratene Tomate zerteilte. Nicht mal mundgerechte Stücke hatte sie hinbekommen.
»Bob lässt dich grüßen.« Ich widmete mich meiner Pasta. Nicht bissfest.
»Wirklich? Wie geht es seiner Frau?« Sie sah nicht auf
Ich zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, hab nicht gefragt.«
»Wie schade. Wir müssen sie mal wieder zum Essen einladen.«
Ich würde bestellen. »Ja, das sollten wir unbedingt.«
Das Wachs tropfte an der Kerze entlang. Schmolz in die weiße Tischdecke hinein. Das würde den Tisch ruinieren. Ich sagte nichts. Beobachtete wie der Fleck größer wurde, dann schob ich mir eine weitere Gabel in den Mund.
Sie sah auf. Lächelte. Ihr Blick zuckte wieder zu der verdammten Anrichte. Ein genervtes Stöhnen hing hinter meinen Zähnen, wurde vom Wein weggespült. Meine Nase kräuselte sich. Er hatte nicht genug geatmet.
»Ich war heute bei meiner Mutter.« Sie suchte meinen Blick.
»Ah.« Der Ton kam desinteressiert über meine Lippen.
Enttäuschung lag in ihren Augen. Doch ebenso Trotz. »Es geht ihr nicht so gut.« Die Augen schnellten wieder zu Anrichte.
Was zur Hölle war dort? Ich sah mich um. Eine Gabel balancierte an der Kante.
Er hörte nicht zu. Und ich? Ich konnte nur auf diese Gabel starren. Wusste, dass sie jeden Moment fallen würde. Mit meiner Fassung. Mit meiner Würde.
Ich konnte mit jedem seiner Bisse sehen, dass er unzufriedne war. Wie jeden Abend. Ich hasste das gemeinsame Abendessen. Jeden Abend hatte ich die Hoffnung, dass er etwas sagen würde. Bemerken würde, dass ich seine Leibspeisen zubereitete, auf die Details achtete. Doch niemals war es erwähnenswert, niemals war es genug. Scheinbar wie ich. Ich war wie diese Gabel.
Letzte Woche hatte ich Knoblauchbrot gebacken. Von Grund auf. Es hatte Stunden gedauert. Sein einziger Kommentar war gewesen, dass es stinke.
Die Erinnerung dabei ließ mich erschaudern.
»Ich werde morgen wieder hinfahren.« Ich spießte energisch eine Gurkenscheibe auf.
»Wohin?«
War das sein Ernst? »Zu meiner Mutter. Sie braucht Hilfe.«
Er sah mich nicht an, schenkte sich Wein ein. Sein Arm glitt haarscharf an der Gabel vorbei. Sie begann leicht zu klappern. Ich presste die Lippen aufeinander, er wusste, das sie dort lang, sein Blick war zu ihr geglitten. Das war eine absichtliche Provokation.
»Nun, dann richte ihr meine Grüße aus und eine gute Besserung.« Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.
»Möchtest du nicht mitkommen?« Zwischen meinen Wimpern sah ich auf.
»Nicht wirklich. Ich habe morgen etwas geplant.«
Nun sah ich auf, das hatte ich nicht gewusst. »Was denn?«
»Nichts besonders.« Er rollte die Nudeln auf der Gabel auf. Runzelte die Stirn. Ich wusste nicht, was ihn irritierte: Meine Nachfrage oder das fehlende Salz in der Pasta.
»Ah, dann wünsche ich dir viel Spaß.« Das war alles, was ich dazu sagen konnte.
Er schenkte mir ein kleines Lächeln, seine Augen blieben kalt, er verengte sie sogar.
Der Tisch schien kleiner zu werden. Mit einem Ruck stand ich auf. »Ich sehe nach dem Kuchen.«
Mit einer ausladenden Geste deutete er Richtung Küche. Wie großzügig von ihm mich zu entlassen.
Ich beherrschte mich, meine Schritte, meinen Atem. Doch die Gabel begann zu wackeln, als ich an ihr vorbei rauschte. Doch ich legte sie nicht um, ließ sie genau so wie sie war.
Ich öffnete den Ofen, um den Kuchen hervorzuholen. Der Geruch von Zimt und Heimat hüllte mich ein. Für einen Herzschlag stiegen mir die Tränen in die Augen, doch ich riss mich zusammen. Holte den Kuchen hervor und stellte ihn auf das Gitter zum Abkühlen, dann setzte ich mich wieder an meinen Platz.
Er hatte sich bereits eine zweite Portion aufgeladen. Ich kommentierte es nicht, sah auf das zu enge Hemd, das sich um seine Brust spannte. Biss mir von innen auf die Wange.
Er öffnete den Mund, doch als er meine Augen sah schloss er ihn wieder. Ich wartete auf einen Kommentar, setzte das Essen fort. Doch er kam nicht, wie immer wartete ich vergeblich.
Dann setzte ich ein trauriges Lächeln auf, es sollte fröhlich sein, doch es gelang mir einfach nicht. »Ich habe den Kuchen deiner Mutter gebacken, den, den du immer so mochtest.«
Er nickte steif. »Ich kann ihn riechen.«
Kein Dank, nicht einmal ein Blick in meine Richtung. Er gab mir nicht einmal eine Reaktion.
Meine Zähne schlugen hart auf Metall, als ich eine Gabel in den Mund schob, ein unnatürliches Geräusch zuckte durch meinen Schädel. Die Pasta war kalt.
Und er lehnte sich zurück, schwang einen Arm über die Lehne des Stuhls. Sah direkt an mir vorbei, über die Kerzen hinweg. Mein Blick hing an der Kerze. Das Wachs besudelte die Tischdecke.
Ich legte mein Besteck nieder. Das Silber klackte leise auf dem Porzellan. Seine Augen schossen zu mir.
»Ich kann nicht mehr«, flüsterte ich.
Er runzelte die Stirn. Musste nicht fragen, was ich meinte. »Und?«
Das war alles? Kein Versuch? Nichts? Hitze stieg mir ins Gesicht, doch meine Stimme blieb kühl. »Sonst hast du nichts zu sagen?«
Er spannte den Kiefer an. »Ich hab einiges zu sagen, doch ich behalte es immer für mich. Der Ehe wegen?«
»Welche Ehe meinst du?«, zischte ich.
Er sprang auf.
Sein Ellenbogen streifte die Gabe.
Sie fiel klirrend auf den Boden.
Endlich.
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Bild: Coco Tafoya
