Was wäre, wenn Träume real wären?

Diese Frage hatte ich mir gestellt, nachdem ich aus einem Traum erwacht bin, der sich schrecklich real angefühlt hatte. Was wäre, wenn er es gewesen war? Und ich ihn einfach vergessen hatte? Würde ich im nächsten Traum etwas anderes machen? Würde ich meine Träume produktiver träumen? Vielleicht mutiger?

Was ist mit dir? Wie wären deine Träume, wenn du sie selbst gestalten könntest? Wenn sie echt wären?

Und was wäre, wenn du sie nicht allein träumen müsstest?

🖋️ Szene: Der Traum

Kaum war ich eingeschlafen, wusste ich, wo ich war. Selbst mit geschlossenen Augen. Das Rascheln der Bäume und der Rasen, der unter meinen nackten Füßen leicht nachgab, waren alles, was ich brauchte. Und der sanfte Geruch nach Frühling, der mich einhüllte. Ich sog den Duft tief ein, öffnete die Lider, betrachtete die Umgebung. Warmes Sonnenlicht ließ das weiche Gras vor mir glänzen. Weißer Flieder, der sich im Wind wiegte und sein Aroma zu mir herübertrug. 
Mit gemächlichen Schritten überquerte ich die Wiese. Dann setzte ich mich auf unsere Holzbank, um zu warten. Die Sitzfläche hatte sich unter den Sonnenstrahlen erwärmt und klebte mir an den Oberschenkeln. Ich betrachtete das Kleid, das ich anhatte. Es war kurz und gelb. Gestern hatte ich ein anders getragen. Und im wachen Zustand ebenfalls. Ich wusste nicht einmal, ob ich ein solches wirklich besaß.
Ob er bereits eingeschlafen war? Heute war Montag. Eigentlich kam er Anfang der Woche pünktlich.
»Da bist du ja, du bist früh.« Die Stimme ließ mich lächeln, ehe ich mich umdrehte. Er kam leichtfüßig auf die Bank zugelaufen. Ein breites Grinsen auf den Lippen, das sein Gesicht aufhellte und seine Augen strahlen ließ. Ich hatte mich den ganzen Tag nach diesem Gesicht gesehnt. Auch wenn ich mich nicht erinnerte. Oder doch?
»Ich bin früh dran. Ein schöner Tag, oder?« Ich rutschte ein Stück, um ihm mehr Platz auf der Bank zu lassen. 
»Ja. Bei mir hatte es heute geschneit, glaube ich.« Die Bank knarzte, als er sich neben mich fallen ließ. 
»Bei mir hat es geregnet.«
Er lachte auf. »Bei dir regnet es immer.«
Mein Mund verzog sich zu einem Lächeln. »Stimmt. Wollen wir spazieren? Willst du mir von deinem Tag erzählen? Wie ist es mit der Präsentation gelaufen?«
Er erhob sich mit einem Seufzen und streckte mir die Hand entgegen. »Willst du mir nicht lieber etwas erzählen?«
Ich griff nach seiner Hand und ließ mich auf die Beine ziehen. »Nein, ich würde gerne hören, wie dein Tag war. Vor allem, wenn du es mir nicht erzählen willst.«
»Na gut, spitz die Ohren.« Sein theatralisches Räuspern entlockte mir ein helles Lachen. Zufrieden mit sich lächelte er und legte mir seinen Arm um die Schultern. »Als ich bei… der Firma ankam, fiel mir erstmal auf, dass ich die Unterlagen zwar ausgedruckt hatte, aber zu Hause liegen gelassen habe.«
»Oh nein.«
»Oh doch. Also machte ich mich auf zu meinem Büro, druckte schnell alles erneut aus. Der Drucker streikte – natürlich tat er das – aber ich hatte es geschafft. Das war der angenehme Teil, glaub mir…«
Mein Blick lag auf einem Gesicht, während er erzählte. Wild mit dem anderen Arm gestikulierend. Ich lächelte und der Park um uns herum verschwamm. Sobald mein Blick sich fokussierte, verlor alles Weitere seine Form. Objekte verschwanden, Ränder wurden unscharf, aus Bäumen wurden Büsche, aus Sträuchern wurden Stauden. Ich hatte mich daran gewöhnt, es störte mich nicht mehr Hauptsache er war hier.
»…und dann – als es endlich vorbei war – brach das große Schweigen aus. Es war die Hölle, ich hatte mich so sehr auf den Vortrag über… den Vortrag vorbereitet. Nur damit sie nicht reagieren. Es war schrecklich, es sind sicher Stunden vergangen, ehe sie genickt hatten und mich entließen.«
Ich lachte. »Es sind sicher nur ein paar Sekunden vergangen.«
»Sekunden?« Der Arm um meine Schultern drückte mich an ihn. »Nein, ganz sicher nicht, es waren Stunden! Tage!«
Mein Lachen schwoll an und er stimmte ein. Ich ließ meinen Blick über einen See gleiten, der sich neben uns Stück für Stück freilegte. Jemand schwamm mit schnellen Zügen darin. Ein Profischwimmer, der im Schlaf übte? Vielleicht. 
Unwillkürlich fragte ich mich, ob es sich um eine reale Person handelte oder er einfach nur eine Projektion in unserem Traum war. In meinem Traum – nein, unserem. Mein Lachen verstummte, während ich die gleichmäßigen Züge beobachtete. Dem Zischen des Wassers lauschte, als er an uns vorbei glitt – irgendetwas war heute anders daran. Es war mir unmöglich es zu benennen. Es war nur so ein… Gefühl. 
»Glaubst du… Glaubst du wir werden uns jemals treffen? So richtig treffen?«
Er blieb stehen. Ich sah auf, seine Miene war ernst. »Ich hoffe es.«
»Wie wäre das? Wenn wir uns tagsüber und nachts sehen würden?«
»Ganz ehrlich? Mein größter Traum und Albtraum zugleich.« Er zwinkerte mir zu, als er weiterging.
Entrüstet schnappte ich nach Luft. »Hast du gerade Albtraum gesagt?«
»Na klar, stell dir vor, du hast mal genug von mir. Du kannst nicht mal im Schlaf flüchte, wer weiß, was du machst. Wahrscheinlich schlägst du mich mit einem Paddel.« Mit hochgezogenen Augenbrauen deutete er auf ein Boot, das im See auftauchte. Verschränkte seine Finger mit meinen.
»Gar nicht so unwahrscheinlich. Ich hoffe, du musst mit der Beule nicht aufwachen.«
»Irgendwann. Da treffen wir uns. Und ich hoffe, dass du dann wissen wirst, dass ich es bin. Wenn ich dir doch nur sagen könnte, wo ich wohne, wo ich arbeite.« Er schluckte. »Wie ich heiße.«
Mein Herz wurde schwer und ich drückte seine Hand. »Wir sehen uns doch jede Nacht. Stundenlang. Das reicht. Für jetzt.«
»Tut es das?« 
»Ja. Ich liebe dich.« Mein Kopf sank sanft gegen seine Schulter. Den See ließen wir hinter uns. Schritten auf die offene Wiese zu. Gleich würden wir uns hinlegen und die Wolken beobachten. Wie jede Nacht. Manchmal taten wir so, als wären es Sterne. Als würden wir wirklich eine Nacht miteinander verbringen. Nicht diesen endlosen-
»Ich liebe dich auch.« Er drückte mir einen Kuss auf den Kopf. Ein Donnern hallte durch das Tal. Hatte ich das Gewitter mitgebracht? Nein, unmöglich. Aber es hatte hier noch nie geregnet.
Dann löste er sich von mir. Zog seine Jacke aus und platzierte sie unter uns. Dankbar legte ich meinen Oberkörper darauf, zog die Knie an und wartete, dass er sich ebenfalls hinlegte. Sobald sein warmer Körper neben mir lag, kuschelte ich mich an ihn und sah in die vorbeiziehenden Wolken. Es war alles so real, so echt. Ob jeder so träumte? Bei dem Gedanken wurde mein Herz schwer. 
»Woran denkst du?«, fragte er.
»Daran, ob jeder so träumt, wie wir.«
Er seufzte. »Ich fürchte nicht. Das was wir haben ist etwas besonderes.«
Obwohl er es nicht sah, nickte ich. Ich öffnete den Mund, etwas sagen. Doch ein mulmiges Gefühl breitete sich in meinem Magen aus. Schnell setzte ich mich auf.
»Was ist?« Alarmiert fuhr er neben mir ebenfalls auf.
»Spürst du das?«
»Nein, was?«
Ich sah mich um. Es war alles normal. Nur mein Bauchgefühl, sagte mir, etwas stimmte nicht. »Ich… Ich weiß nicht, ich hab ein komisches Gefühl, irgendwie-« 
Ehe ich den Satz beendet hatte, krachte etwas. Ich konnte nicht zuordnen, woher das Geräusch kam sah mich panisch um. Meine Arme suchten seinen Körper, krallten sich in sein Shirt und er zog mich an sich. »Was ist los?«
Und dann sah ich es. 
Eine Wolke.
Eine Wolke fiel vor uns vom Himmel.

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Bild: Kyle Smith

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