
Es ist Sonntag. Das Leben scheint lauter, als der eigene Kopf. Aber manchmal reicht ein Satz, der in eine andere Richtung zeigt.
Der heutige Prompt war so einer. Ein ganz leiser. Oder lauter – je nach dem was du daraus machst.
Sie schreibt einen Brief, den sie nie abschicken wird – und verbrennt ihn. Was stand drin?
🖋️ Meine Szene dazu
*Hinweis*: In der folgenden Szene geht es um Abschied und Tod.
Lies sie, wenn du gerade Raum dafür hast.
Ich hatte diesen Moment ritualisiert.
Eine Kerze, angezündet, Vanilleduft.
Ein Füller, frische Tinte, goldene Feder.
Schweres Briefpapier, cremefarben, hochwertig.
Klassische Musik, eine Spotify-Playlist zum Schreiben, Lautstärke 10.
Ein heißer Tee, Dampfschwaden, sanfte Kräuter.
Sogar das Wetter spielte mit, der Regen prasselte leise gegen die Scheibe, bot sich ein Wettrennen über das Glas und fesselte meinen Blick.
Alles war vorbereitet, alles war perfekt.
Nur ich war es nicht.
Das Wichtigste fehlte: Meine Worte.
Ich hatte mir wirklich vorgenommen, alles, was mir auf dem Herzen lag heute runterzuschreiben. Genau jetzt. Samstag. 18:34 in der Dämmerung. Und dann nach draußen zu gehen und den Brief zu verbrennen.
Doch jetzt saß ich davor. Starrte auf den Briefbogen und wartete darauf, dass er in Flammen aufging – oder die Worte von selbst auftauchten.
Frustriert seufzte ich und legte die Stirn auf das raue Papier. Wenn ich jetzt etwas aufschrieb, dann war das, als würde ich es laut aussprechen. Etwas preisgeben, das doch nur uns gehörte. Und das jetzt nur noch mir gehörte. Zu viel für eine Person allein.
Aber vielleicht… Nur vielleicht, brauchte ich das.
Ich atmete tief ein. Und dann schrieb ich.
James,
Du wirst das hier niemals lesen. Und doch habe ich dir so viel zu sagen.
Weißt du noch, das rote Kleid, das immer zu gut für den Anlass war? Ich trage es jetzt. Regelmäßig.
Die Kerze, die immer zu teuer war, um sie einfach anzuzünden? Sie brennt gerade.
Und der Füller, der immer verpackt auf dem Tisch lag und auf den richtigen Moment gewartet hat? Mit ihm schreibe ich diesen Brief.
Meinen ersten Brief an dich. Vielleicht meinen letzten.
Ich vermisse es, wie du mich immer damit aufgezogen hast, dass ich darauf warte zu leben. Dass ich die Gelegenheit immer selbst konstruieren muss, bevor ich sie genießen konnte. Dass mein Perfektionismus mehr zerstört, als zu zelebrieren.
Ich vermisse, wie du mich immer wieder gezwungen hast, etwas zu unternehmen, auch wenn es nicht gepasst hat, auch wenn ich keine Zeit hatte.
Ich muss ständig an dich denken. Und jedes Mal zieht sich mir die Brust zusammen und ich kann nicht atmen. Drohe an meinem Gefühlen zu ersticken.
Und wenn ich jetzt lache, dann denke ich an dich, und sofort tut es weh. Als würde ich dich verraten, wenn ich weiterlache. Und dann will ich schreien. Auch wenn du es nicht mehr hörst.
Bevor ich richtig wach bin, höre ich jeden Morgen wie du neben mir liegst, wie du atmest, spüre deinen Atem noch sanft und gleichmäßig auf meiner Haut. Wenn die Augen geschlossen lasse, höre ich sogar deine Stimme. Rau und verschlafen.
Und sobald ich die Augen öffne, ist das Bett leer. Und ich bin es auch.
Immer, wenn es schneit erinnere ich mich daran, wie wir stundenlang im Auto gesessen und geredet haben. Bis wir unseren Atem sehen konnte, bis der Schnee die Scheibe bedeckte und nur noch wir da waren. Eingeschneit, allein auf der Welt.
Deine Hand im meiner. Mein Herz darin eingewickelt, wie ein sicheres Versprechen.
Wie du gesagt hattest: »Schnee ist das einzige Wetter, bei dem die Welt den Atem anhält.« Und ich glaube, sie tut es immer noch. Jedes Mal, wenn ich an dich denke.
Immer, wenn es regnet, denke ich daran, wie du trotzdem in den See gesprungen bist, mich mit dir gezogen hast und gelacht hast. Wie ich mich erkältet hab und du tagelang an meinem Bett gesessen hast, bis es mir besser ging.
Immer, wenn das Laub im Garten liegt, sehe ich dich, wie du es zusammen gekehrt hast, um dich reinfallen zu lassen. Wie die ganze Arbeit für einen Moment zunichte gemacht wurde. Ich habe das früher nie verstanden.
Immer, wenn die ersten Blumen sprießen, erinnere ich mich daran, wie du gelächelt hast. Wie sehr du dich gefreut hast, dass der kalte Winter vorbei ist, als wärst du selbst ein Stück mehr aufgetaut.
Es fehlt mir. Dein Lachen. Das Strahlen deiner Augen. Wie du immer das Positive gesehen hast. Du hast ich immer mitgerissen. Wie ein Feuer, das von innen wärmt und von außen leuchtet.
Seit du weg bist, ist mir immer kalt. Es ist, als hätte jemand die Sonne runtergedreht. Einen Filter auf ihr Licht gelegt.
Vielleicht es auch dein Licht, das mir fehlt.
Ich hab mich oft gefragt, was ich dir sagen würde, wenn ich dich nochmal sehen könnte. Dachte ich bräuchte große, poetische Worte. Müsste irgendetwas großes sagen. Etwas mit Bedeutung.
Aber ich glaube, wenn ich dich sehen könnte, würde ich einfach fragen, wie es dir geht. Ob du mich auch vermisst.
Und jedes Mal, wenn ich morgens am Bach spazieren gehe, dann sehe ich die Rehe an der Stelle – du weißt schon welche -, sie stehen einfach da. Schauen mich an. Und manchmal ist ihr Blick so ruhig, so vertraut, dass ich mich frage, ob du sie geschickt hast. Als ob du durch sie sprichst. »Ich bin noch hier, Lily.«
Manchmal sehe ich sogar deine Augen in ihren. Als wärst du es selbst. Als wolltest du allem zum Trotz auf mich aufpassen. Ein Auge auf mich werfen.
Falls du es warst oder falls du es tust, James, dann danke.
Es bedeutet mir alles.
Und falls nicht… dann hoffe ich, du schaust trotzdem zu.
Du fehlst mir.
Jeden Tag. Jede Stunde. Jede Minute. Jede Sekunde.
Aber ich mache weiter. Weil du es gewollt hättest.
Ich liebe dich,
Lily
Tränen weichten das Papier auf, ich versuchte sie abzutupfen. Doch sie verwischten nur die Tinte. Frustriert wischte ich sie mir aus den Augen und faltete das Papier zusammen. Meine Hände zitterten, ich musste mehrfach ansetzten. Doch ich schaffte es. Ignorierte die Knicke und Tropfen. Er war nicht perfekt. Aber ich war es auch nicht mehr. Gebrochen, zerknittert und aufgeweicht.
Ich konnte durch den Tränenschleier kaum etwas erkennen, als ich mit dem Brief in der Hand nach draußen trat. Wie ein Schild und ein Gebet drückte ich ihn an meine Brust. Der kalte Wind brannte mir in den Augen, als wollte er gegeben mich kämpfen, mich zum Umkehren zwingen. Als wollte die Welt mich fragen, ob ich sicher sei. Doch ich würde nicht halten. Ich würde das hinter mich bringen. Heute. Es musste heute sein.
Der Bach war nicht weit entfernt. Heute waren dort keine Rehe. Nur das Wasser, das kalt und gleichgültig floss.
Ich blickte ins Kiesbett, während ich kaum Luft bekam. Meine Brust schnürte sich zu, doch ich zwang mich nach dem Feuerzeug in meiner Tasche zu tasten.
Ich schluckte, obwohl mein Mund staubtrocken war.
Und dann zündete ich den Brief an. Er wollte nicht brennen. Er war feucht.
Ich wurde wütend. Ich zitterte, ich hätte schreien können. Ich wollte, dass es endlich vorbei war. Aber selbst das bekam ich nicht hin.
Doch ich gab nicht auf. Versuchte es immer und immer wieder.
Bis er zu einem schwarzen Haufen Matsch und Asche wurde.
Wieso konnte ich nicht einmal das ordentlich machen?
Vielleicht war das der Moment, in dem mein Perfektionismus gestorben ist. Mit dir. Im Rauch, im Regen und im Schweigen.
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Bild: Debby Hudson
