Manchmal stolpert man nicht nur über alte Gefühle, sondern auch in eine neue Geschichte – aus Versehen.

Im heutigen Prompt geht es um einen Zufall, Timing – und was passiert, wenn die Vergangenheit eine neue Stimme bekommt.

Sie ruft aus Versehen ihre große Liebe von früher an – und jemand anderes hebt ab.

Eigentlich hatte ich einen Plan. Aber wie das so ist mit Plänen beim Schreiben – manchmal machen die Figuren, was sie wollen.
Statt eines dramatischen Wiedersehens gab’s eine kleine nächtliche Begegnung, die ich selbst nicht hab kommen sehen.
Aber vielleicht sind es genau diese Umwege, die Geschichten lebendig machen.

Hier kommt also keine kitschige Reunion, sondern ein Gespräch mitten in der Nacht.

🖋️ Meine Szene dazu

Ich wusste, dass es absolut bescheuert war. Wirklich, ich wusste das. Aber als es klingelte, gab es kein Zurück mehr. Er würde es ohnehin sehen. Und dann? Wollte ich mich rausreden? Sagen, ich hätte mich verwählt? Das würde ich mir auch nicht glaube. Ich sah sein genervtes Gesicht vor mir, sobald er meinen Namen auf dem Display sah. Oder eine unbekannte Nummer.

Es klingelte erneut. Das war die dümmste Idee, die ich je hatte. Ich wollte gerade auflegen-

Klick.

Ich wartete nicht. Die Worte sprudelten aus mir heraus, ungefiltert, heftig. »Warst du gerade im Club? Ich dachte … ich dachte, du wolltest nicht mehr kommen. Mich nicht mehr sehen? Wir haben uns zwei Jahre nicht gesehen. Zwei ganze Jahre und … Und dann ziehst du einfach so ab? Hast du mich ignoriert oder bist du wirklich so feige?« Meine Stimme brach.

»Wer ist da?« Eine fremde Stimme antwortete. Klang verwirrt.

Das war er nicht.

Wieso war er das nicht?

Panik machte sich in mir breit. Meine Hand begann zu zittern.

Wer war das?

»Alles okay?«, fragte er.

»Äh, ja. Ist da Jeremy?«

»Nein. Leo.«

Verdammt.

»Oh mein Gott, es tut mir leid, es ist so spät und ich … ich wollte nicht.«

»Schon gut, ich hab die Nummer erst seit Kurzem.«

»Ich … also. Gute Nacht.«

 Ich nahm das Handy bereits vom Ohr.

»Warte.«

Zögernd blickte ich auf den Bildschirm. Jeremy 0:20. 0:21. 0:22. Warum sollte ich warten? »Wieso?«

»Wer ist Jeremy, was hat er gemacht?«

Ich sah mich um. Ich stand allein auf dem Parkplatz, aus dem Club dröhnte der Bass und die Pfützen eines vergangen Schauers spiegelten das Licht der Straßenlaternen.

»Jeremy ist mein Exfreund.«

»Okay. Und weiter?«

»Er hat ein Versprechen gebrochen. Er wollte nicht mehr in unseren Club, hat ihn mir quasi überlassen bei der Trennung. Bis heute. Ich wollte ihn zur Rede stellen, als ich ihn gesehen habe. Aber er ist weggelaufen …« Warum erzählte ich das?

Leo lachte. Tief. Es klang ehrlich und warm. »Feigling.«

Ich musste lächeln. »Ja, finde ich auch.«

»Und jetzt?«

»Was meinst du?«

»Na, was machst du jetzt?«

Ich lehnte mich an die Front eines Wagens. Nicht meiner, aber das war mir egal. »Naja, ich schätze ich gehe wieder rein, oder …«

Der Satz hing einen Moment zwischen uns.

»Oder was?«

»Wer bist du?«

»Leo?«

Ich seufzte. »Ich weiß, aber warum sprichst du mit mir?«

»Du hast mich angerufen?«

»Ja schon klar, aber wieso legst du nicht auf?«

Er zögerte, überlegte. Dann wurde seine Stimme leiser. »Gute Frage.«

»Schlechte Antwort. Erzähl mir was von dir. Ich hab dir mein Ex-Drama erzählt.«

»Hm«, machte er. Es vibrierte leicht gegen mein Ohr. »Ich komme aus London. Studiere hier. Bin vierundzwanzig.«

»Ich auch. Alles.« Ich sah verwirrt auf den Hörer, wurde wütend.  Hitze stieg mir in die Wangen. »Bist du einer von seinen Freunden? Verarscht ihr mich?«

»Nein, ich kenne keinen Jeremy.«

»Beweis es.«

»Wie soll ich das bitte anstellen?« Er lachte.

Ich überlegte. Seufzte, gab mich geschlagen. »Verdammt, na gut. Was studierst du?«

»Wirtschaft. Wie heißt du?«

»Emma.« Ich fror, schlang die Arme um mich. Das Handy an die Wange geklemmt, wie ein Pflaster, das nicht hielt.

»Studiengang, Emma?« Es gefiel mir wie er meinen Namen aussprach. Er klang so … voll, keine Ahnung. Er zog das M so lang, dass mir warm im Bauch wurde.

»Jura.«

»Oh, Frau Anwältin, dann kann sich Jeremy ja auf was gefasst machen, wenn du ihn in die Finger bekommst.«

Ich musste lachen. »Aber hallo! Ich hätte das vertraglich festhalten sollen in unserem Trennungsabkommen. Punkt eins: Der Club gehört Emma.«

Er lächelte, ich hörte es in seiner Stimme. »Stimmt.«

»Und du? Wieso bist du wach?«

»Ich komme gerade aus dem Pub.«

Ich blickte auf die Uhr. »Ganz schön spät.«

»Stimmt.«

Wir schwiegen. Ich kickte ein paar Steine mit dem Schuh, streifte über den nassen Asphalt. Erschauderte.

Dann räusperte er sich. »Also, was hast du nach der Uni vor?«

»Was? Äh, arbeiten.«

Er atmete laut aus. »Fuck, ich bin nicht gut in sowas.«

»Smalltalk?«

»Ja.«

»Ich auch nicht.« Ich stand wieder auf. Fragte mich, was ich hier eigentlich machte, meine Freundinnen suchten mich sicher schon. Ich wollte ihn abwimmeln.

»Erzähl mir was. Von Jeremy, von dir, irgendwas.«

»Ich, also …« Ich überlegte, dann sagte ich das Erste, was mir einfiel. »Jeremy war meine erste große Liebe. Waren vier Jahre zusammen. Sind zusammen hergezogen. Und dann … dann hat er mich betrogen. Ich hab’s rausgefunden. Wir haben uns getrennt.« Ich zögerte. »Er war heute mit ihr hier.«

»Das ist scheiße.«

»Ja.« Ich spielte mit meinem Saum, mir war kalt und ich begann hin und her zu laufen. »Und du? Hast du eine Freundin.«

»Nein.«

Ich wartete, doch er sagte nichts weiter.

»Erzähl auch was«, forderte ich. Lief in Form einer liegenden Acht um zwei parkende Autos.

»Meine letzte Freundin und ich wir haben uns einfach auseinander gelebt. Eines Tages hab ich mit ihr gesprochen und es hat sich einfach fremd angefühlt. Das hat verdammt weh getan.«

»Das tut mir leid.«

»Ja. Das war hart.«

»Liebst du sie noch?«

»Irgendwie schon, die Version, die sie mal war. Und du?«

»Ja, ich auch. Weißt du, in meinem Kopf. Da ist er noch so wie früher.«

Er atmete schwer. »Ja, ich weiß, was du meinst. Kann mir gar nicht vorstellen, dass sie sich verändert hat.«

»Oder? Ganz schön deprimierend.«

»Ja … Hey, was ist deine Lieblingseissorte?«

Ich lachte auf. »Wie kommst du darauf?«

Ich hörte etwas knallen. »Hab mir eben eins geholt.«

»Mitten in der Nacht?«

»Wieso nicht? Sag schon.«

»Pistazie.«

»Was für eine langweilige Antwort.« Er lachte.

»Gar nicht! Okay, du willst die echte Antwort? McFlurry – nackt mit Schokosoße, und dann Pommes reindippen. Ich liebe es, wenn das Eis leicht salzig wird und sich mit der Soße mischt.«

Leo lachte laut, sein Löffel klimperte gegen seine Zähne. »Du bist ekelhaft, Emma.«

»Du hast gefragt!«, protestierte ich. »Was ist dein Lieblingseis?«

»Ich glaube … ab morgen McFlurry mit Fett und Salz.«

Ich musste auch lachen. »Das musst du probieren, ehe du urteilst.«

»Mach ich. Willst du mitkommen?«

Ich verstummte. Mein Kopf war leer. Keine Ahnung, wollte ich? Ich kannte ihn nicht, flüchtig. Ein Telefonat. Und das noch aus Versehen.

Meine Worte überraschten mich selbst. »Ja … ja will ich.«

»Alles klar, Emma. Ich hab deine Nummer. Ich rufe dich an.«

»Okay.«

»Ach und Emma? Überschreib den Kontakt!«

Und das tat ich. Denn es war ein Zufall, der bleiben sollte.

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Bild: Fotis Fotopoulos

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